Das Salve Regina



Zur Entstehung

Das Salve Regina (Gegrüsset seist du, Königin) gehört neben dem Alma Redemptoris mater", dem Ave Regina coelorum und dem Regina coeli zu den vier großen Marianischen Schlußantiphonen. Diese beschließen seit dem 13. Jh. das tägliche Stundengebet der Kirche. Am Ende der Komplet bzw. Vesper wird Maria, die Mutter des Erlösers, die Himmelskönigin gegrüßt und um ihre Fürsprache angerufen. Bis zur Liturgiereform des II. Vaticanums war das Salve Regina der liturgischen Zeit im Jahreskreis außerhalb der großen Festzeiten zugeordnet. Vor allem in der klösterlichen Tradition hat sich dieser Brauch bis heute gehalten.



Die Einführung des Salve Regina in die Liturgie kann bis ins 12. Jh. zurückverfolgt werden. Aus dem Abendgruß an die Mutter Gottes entwickelte sich im Laufe der Zeit die besonders in den romanischen Ländern verbreitete "Salve-Andacht". Durch die weitere Entwicklung vor allem im 15. und 16. Jh. kam es zu einer liturgischen Umwertung: die lateinische Antiphon wurde zum Kirchenlied, in Vulgärsprache übersetzt. Dies ist der Grund dafür, dass es Eingang in fast alle katholischen Gesangbücher des 16. und 17. Jh. gefunden hat. Auch im "Gotteslob" finden sich verschiedene Varianten des Salve Regina: GL570 "Salve Regina"; GL571 "Sei gegrüßt, o Königin"; GL572 "Salve! Maria Königin"; GL573 "Gegrüßet seist du, Königin". Die populäre Salve-Regina-Melodie des 16./17. Jh., das sogenannte "Salve-Regina-Motiv" (c-e-g-a-g), prägt vielerorts den Charakter zahlreicher Kirchengeläute (z.B. das Geläute des Münsters St. Maria und Markus in Reichenau-Mittelzell).

In Handschriften aus den Klöstern auf der Reichenau und in St. Gallen ist das SALVE REGINA seit dem 11. Jh. nachweisbar (Hs. Karlsruhe Aug. LV; St. Gallen Hs 390). Die Frage der Verfasserschaft ist strittig: Die lange verbreitete Tradition, die Hermann den Lahmen von Reichenau (+1054) als Verfasser annahm, gilt heute aus verschiedenen Gründen gemeinhin als eher unwahrscheinlich. In der Ikonographie wird das Salve Regina jedoch über Jahrhunderte hinweg bis in die Gegenwart mit der Reichenau und der Person Hermann des Lahmen in Verbindung gebracht.

Der Text

Salve, Regina,
mater misericordiae;
Vita, dulcedo et spes nostra, salve.
Ad te clamamus, exules filii Evae.
Ad te suspiramus, gementes et flentes
in hac lacrimarum valle.
Eia ergo, advocata nostra,
Illos tuos misericordes oculos ad nos converte.
Et Iesum, benedictum fructum ventris tui,
Nobis post hoc exilium ostende.
O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria.

Übersetzung

Sei gegrüßt, o Königin,
Mutter der Barmherzigkeit;
Unser Leben, unsere Wonne
Und unsere Hoffnung, sei gegrüßt!
Zu dir rufen wir verbannte Kinder Evas;
Zu dir seufzen wir
Trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen.
Wohlan denn, unsere Fürsprecherin,
wende deine barmherzigen Augen uns zu
und nach diesem Elend zeige uns Jesus,
die gesegnete Frucht deines Leibes!
O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria.

Erläuterung

Ihr Name wird zwar erst am Ende des Textes genannt, aber an Maria ist das Lied gerichtet. Der Gruß im ersten Abschnitt bezeichnet sie mit dem marianischen Ehrentitel "Königin", den auch das Ave regina coelorum und das Regina coeli verwenden. Maria ist die Mutter Christi, des Auferstandenen, des königlichen Herrn, der seiner Mutter bereits Anteil an seiner himmlischen Herrlichkeit geschenkt hat. Sie ist die "Mutter der Barmherzigkeit": Gottes Barmherzigkeit ist in Jesus von Nazaret, dem Sohn Marias, erfahrbare Wirklichkeit geworden. Gehorsam, glaubend, hoffend und liebend hat Maria in einzigartiger Weise bei der Verwirklichung des von Gott gewollten Heils für den Menschen mitgewirkt. Sie ist deshalb nicht nur das Vorbild des Glaubens und der Liebe schlechthin, sondern ist in der Gnade für alle Menschen zur "Mutter" geworden. Durch die enge Beziehung zu ihrem Sohn wird Maria zur Ansprechpartnerin aller, die auf Gottes Barmherzigkeit hoffen und bauen.


Maria wird traditionell als Fürsprecherin des Menschen bei Gott bezeichnet. Advocata, Anwältin, nennt sie die Antiphon. Dieser Titel steht in der Gefahr, auf Kosten des Gottesbildes missverstanden zu werden. Ist Gottes Gericht dem Menschen gegenüber so streng und unbarmherzig, dass der Mensch ihm gegenüber auf einen Rechtsbeistand angewiesen ist? Maria ist zwar von Gott erhoben wie kein anderer Mensch, außer ihrem Sohn Jesus. Trotz ihrer Aufnahme in den Himmel ist sie aber doch "Schwester der Menschen" geblieben. Sie weiß um die Nöte der Menschen und bittet Christus, den Herrn um alles, was uns Not tut. In diesem Sinne ist sie advocata, Fürsprecherin, Helferin und Mittlerin der göttlichen Gnade, an die der Mensch sich vertrauensvoll wenden kann. Maria, die von Gott Erwählte, die ihr fiat zum Willen Gottes gesprochen hat, kennt den Weg aus dem "Exil" nach Hause. Er geht durch Zweifel, Frage, Unverständnis, Angst, Schmerz und Leid, bis hin unter das Kreuz. Maria ist diesen Weg gegangen. In vorbildlicher Weise. Das Ziel ist die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn. Sie, die den toten Sohn im Arm halten musste, durfte ihn als den Lebenden erfahren. Ihn hält sie uns vor Augen, ihn den Herrn des Lebens und das Leben selbst. Maria ist die Mutter der Glaubenden: "Siehe, deine Mutter" (Joh 19, 26f).

In den letzten Zeilen des Salve Regina bricht sich das Vertrauen auf die Zuwendung und Weggemeinschaft der Gottesmutter Bahn in jubelndem Lobpreis. Es ist die Freude, die hier singt; die Freude darüber, dass dem suchenden Menschen von Gott her Hilfe geschenkt ist. Maria ist Zeugin dafür und steht dafür ein.