Das Stundenbuch und Unsere Liebe Frau

Beschreibung

Stundenbücher waren die von den Laien benützten Gebetbücher im Mittelalter. Durch königliche Familienangehörige, durch Adelsfamilien und wohlhabende Gönner in Auftrag gegeben, wurden sie zu Statussymbolen und Schmuckstücken für Büchersammler.

Das Brevier

Das Stundenbuch ist nach dem Brevier gestaltet, das von den Angehörigen des Klerikerstandes gebetet wird. Das Brevier ist in sieben Zeitabschnitte während des Tages eingeteilt, die Horen genannt werden: Matutin, Laudes (die Nachtstunden werden zusammen zwischen Mitternacht und Morgendämmerung gebetet), die Tagesstunden werden in etwa dreistündigen Abständen gebetet: Prim, Terz, Sext und Non und die Abendstunden mit der Vesper und der Komplet.

Das Kleine Stundengebet Unserer Lieben Frau

Das Brevier besteht vorwiegend in der Rezitation der Psalmen, aber es enthält auch verschiedene Arten von Hymnen und Gebeten. Zusätzliche Gebete wurden im Lauf der Zeit hinzugefügt. Unter diesen Hinzufügungen war eine Andacht zu Ehren der seligen Jungfrau. Diese tauchte zum ersten Mal irgendwann im zehnten Jahrhundert auf. Dieses Kleine Stundengebet Unserer Lieben Frau stellte den elementaren Text für das Stundenbuch dar. Seine Rezitation erstreckte sich von den kirchlichen Orden über die säkulare Geistlichkeit bis zu den Laien. Bis zum dreizehnten Jahrhundert bildete das Kleine Stundengebet eine Art Anhang zum Psalter, dem Gebetbuch, das normalerweise von den Laien verwendet wurde. Irgendwann während des dreizehnten Jahrhunderts wurde es losgelöst und wurde ein eigenes Buch: das Stundenbuch.

Inhaltsverzeichnis des Stundenbuches

Die Grundbestandteile des Stundenbuches sind:

1. Kalender
2. Auszüge aus den Evangelien
3. Das Gebet Obsecro
4. Das Gebet O intemerata
5. Horen zu Ehren der Jungfrau Maria
6. Horen zu Ehren des Kreuzes
7. Horen zu Ehren des Heiligen Geistes
8. Bußpsalmen
9. Litanei
10. Offizium für die Verstorbenen
11. Gebete zu verschiedenen Heiligen

Der Kalender, die Horen zu Ehren der Jungfrau Maria, die Bußpsalmen, das Offizium für die Verstorbenen und die Gebete zu den Heiligen wurden aus den vom Klerus verwendeten Büchern entnommen. Die anderen hier aufgelisteten Teile sind untergeordnete Texte. Diesen wurde eine Auswahl anderer Gebeten beigefügt. Die Folge von all diesem: keine zwei Stundenbücher sind genau gleich.

Verzierungen und Illustrationen

Illumination ist die Bezeichnung für die Verzierungen, die im Stundenbuch gefunden werden. Die Grundelemente in der Illumination sind die Initialen, die Miniatur und die Umrandung. Das Wort Miniatur verweist nicht auf die kleine Größe der in diesen Büchern gefundenen Bilder. Es kommt aus dem Lateinischen minium, dem roten Pigment (Bleioxid), das von den Schreibern verwendet wurde, um Initialen oder wichtige Wörter in einem Text zu betonen. Miniare bedeutet daher, in Zinnoberrot schreiben.



Das Wort Miniatur wurde später ausgeweitet, um Illustrationen welcher Art auch immer miteinzuschließen. Die Initialen waren von zweierlei Art: die verzierende, die mit Verflechtungen verschiedener Art (abstrakte Ornamente, Blattwerk etc.) ausgefüllt waren. Geschichtliche Initialen sind jene, in denen kleine Bilder (ystoires) vorkommen. Diese können Portraits oder Szenen sein, die den Text illustrieren. Das dritte Element ist die Umrandung, die die Miniatur und oft die gesamte Textseite umgibt. Kunstvolle Umrandungen aus Efeublättern waren sehr charakteristisch für die Stundenbücher, die in Nordeuropa, insbesondere in Frankreich hergestellt wurden.

Kalender - Ausschmückungen



Januar - Schmausen
Februar - am Feuer sitzen
März - Beschneidung der Weintrauben
April - Gartenszene
Mai - Falkenjagd oder Bootfahren
Juni - Heuernte
Juli - Weizenernte
August - Dreschen
September - Traubenernte
Oktober - Pflügen und Säen
November - Sammeln der Eicheln für die Schweine
Dezember - Schweineschlachten oder Brot backen

Tierkreiszeichen werden oft als sekundäre Illustrationen in den Kalendern gefunden.

Miniaturen, die die Horen zu Ehren der Jungfrau Maria illustrieren



Matutin Verkündigung
Laudes die Heimsuchung
Prim die Geburt Christi
Terz die Verkündigung der Engel an die Hirten
Sext die Anbetung der Weisen
Non die Darstellung im Tempel
Vesper die Flucht nach Ägypten und / oder der Kindermord in Betlehem
Komplet die Krönung Marias

Miniaturen, die die Horen der Passion Christi illustrieren

Matutin der Verrat des Judas
Laudes Christus vor Pilatus
Prim die Geißelung
Terz Christus trägt das Kreuz
Sext die Kreuzigung
Non Abnahme vom Kreuz
Vesper - das Begräbnis von Jesu
Komplet – die Auferstehung

Beispiele einiger berühmter Stundenbücher

1. DAS DE BRAILES STUNDENBUCH



Das älteste erhaltene separate Stundenbuch, das um 1240 in Oxford (England) von William de Brailes für eine Laiin namens Susanna hergestellt wurde. Das Buch mit 101 Blättern (202 Seiten) enthält die Horen zu Ehren der Jungfrau, die Bußpsalmen, die an die Heiligen gerichteten (Bitt)Gebete, die Litanei, die Tagesgebete, die Psalmen des Zwischengesanges. Das Buch wurde durch den Sammler von Englischbüchern C. W. Dyson Perrins von der Firma des J. Rosenthal in München im Jahre 1906 gekauft. Seit 1959 ist es in der Britischen Bücherei von London.

2. DAS STUNDENBUCH DER JEANNE D' EVREUX



Jeanne d' Evreux (1304 -1371) war die dritte Ehefrau von Charles IV (1295-1328). Das Stundenbuch könnte ein Hochzeitsgeschenk von ihrem Mann gewesen sein (1325). Die Buchmalereien sind das Werk von Jean Pucelle (gest. 1334), der die Buchmalerei des vierzehnten Jahrhunderts in Paris umwandelte. Dieses Werk spiegelt starke italienische Einflüsse wider. Ein besonderes Merkmal des Buches ist der Gottesdienst zu Ehren des Hl. Ludwig IX (1214-1270), der während seines zweiten Kreuzzuges verstorben ist. Er wurde im Jahre 1297 heilig gesprochen. Der Hl. Ludwig war der Urgroßvater sowohl von Jeanne als auch ihres Ehemannes, Karl IV. Jeanne vermachte ihr Buch Karl V., der es dann seinem Bruder Jean, dem Herzog de Berry, gab. Irgendwann im neunzehnten Jahrhundert wurde das Buch von der Familie der Rothschilds erworben. 1953 wurde es vom Metropolitan Museum von New York erworben. Es ist jetzt Teil der Sammlung des Cloister Museums dieser Stadt.

3. DIE GRANDES HEURES



von Herzog Jean de Berry (1340-1516), des dritten Sohnes Johanns II (1319- 1364), auch Johann der Gute genannt. Der Herzog von Berry war einer der vermögendsten Gönner aller Zeiten. Von seinen siebzehn Burgen sind nur noch ein paar Ruinen übrig. Alle seine Schätze sind weg. Die Gegenstände aus Gold und Silber wurden zusammengeschmolzen,um seine Schulden zu bezahlen und um die Kriege gegen die Engländer zu finanzieren. Von seinen auf etwa dreihundert geschätzten Manuskripten sind ungefähr ein Drittel, dreiundneunzig, noch als illuminiert erhalten. Die Stundenbücher sind wohl die geschätztesten von diesen. DIE GRANDES HEURES ist das größte Stundenbuch, das je gefertigt wurde. Jemand hatte den Aufrag, die Tierhäute für seine 126 Blätter ausfindig zu machen. Die Verzierungen scheinen das Werk verschiedener Artisten und von übernommenen Wesensmerkmale zu sein, die in anderen Büchern gefunden wurden, die der Herzog besaß. Die Grotesken, die in den Rändern erscheinen sind oftmals der Bearbeitungen jener, die im Stundenbuch der Jeanne d 'Evreux gefunden wurden. Das Buch wurde außerordenlich hoch von den Königen von Frankreich geschätzt. Karl VIII ließ es im Jahre 1488 neu binden. Nun befindet es sich in der Nationalbibliothek von Paris.

4. DIE BELLES HEURES



von Jean, Herzog von Berry. Ein Werk der Gebrüder Limburg (Paul, Jean und Herman), den angesehensten Künstlern, die beim Herzog angestellt waren. Um 1408 - 1410 datiert, enthalten die 225 Blätter vierundneunzig ganzseitige Miniaturen, vierundfünfzig Illustrierungen, Initialen und Umrandungen der Spalten. Ein ungewöhnliches Merkmal sind Bilderzyklen, die die Geschichten der Hl. Katharina von Alexandrien, des Hl. Bruno (Gründer der Karthäuser), des Hl. Hieronymus, des Hl. Abtes Antonius und des Hl.Johannes des Täufers (der Namenspatron des Herzogs), etc wiedergeben. Beim Tode des Herzogs im Jahre 1416 wurde es von seiner Nichte Yolande, der Herzogin von Anjou, erworben. Edmond de Rothschild kaufte es 1880 von der Familie Ailly. 1954 wurde es von der Klostersammlung von Maurice de Rothschild erworben.

5. DIE TRES - RICHES HEURES



des Herzogs von Berry wird als das Meisterwerk der Brüder Limburg anerkannt, die daran zwischen 1411 und 1416 arbeiteten, bis der Tod sie ereilte. Weitere französische Buchmaler wurden mit dem Buch in den Jahrzehnten nach 1416 vertraut. Verschiedene Einzelheiten wurden von ihnen kopiert oder bearbeitet. Herzog Karl I von Savoyen und seine Ehefrau Blanche von Montferrat, die beide Nachkommen des Herzogs durch seine Tochter Bonne waren, erwarben das Buch gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts. Sie beauftragten Jean Colombe von Bourges, um die Ausschmückung zu vervollständigen. Das Werk war zwischen 1485 und 1490 fertig. Der letzte Eigentümer der Tres Riches Heures war der Herzog von Aumale, der jüngste Sohn des französischen Königs Louis - Philippe. Er erwarb es 1855 von Baron Felix de Margherita von Turin und Mailand. Nun ist es Teil der Sammlung in der Burg von Chantilly, die der Herzog von Aumale in einem Gelände nördlich von Paris geschaffen hat.

6. DIE STUNDEN DER MARIA VON BURGUND



datiert um 1477. Maria war das einzige Kind des letzten Herzogs von Burgund, Karls des Kühnen (1433-1477), der im Januar 1477 in Nancy starb, als er die Schweizer bekämpfte. Im Jahre 1457 geboren, heiratete Maria den Habsburger Erzherzog Maximillian von Österreich ein paar Monate nach dem Tode ihres Vaters. Sie starb im Jahre 1482 (nach einem Jagdunfall). Sie hinterließ zwei Kinder, Margaret und einen Sohn Philip, der auch früh verstarb aber erst als er Vater des zukünftigen Kaisers Karl V geworden war. Maria wurde danach die Vorfahrin vieler Habsburger. Sie und ihr Vater Charles sind nebeneinander in einer Kapelle der Kathedrale von Brügge in Belgien bestattet. Unter den Experten gibt es keine Übereinstimmung hinsichtlich dessen, wer der verantwortliche Künstler oder die Künstler für die Ausschmückung des Stundenbuches der Maria sein könnten. Jetzt befindet es sich in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.

7. DIE GRANDES HEURES DER ANNE VON BRITTANIEN.



Anne (1477-1514) war zweimal Königin von Frankreich, zuerst 1491 mit Karl VIII (1470-1498) und danach im Jahre 1499 mit Louis XII (1461-1515). Ihr Stundenbuch wurde von Jean Bourdichon bemalt.

8. DIE GRANDES HEURES DE ROHAN



datieren von ungefähr 1420. Der unbekannte Künstler wird einfach als der Meister von Rohan bezeichnet. Er scheint mit dem Werk der Brüder Limburg und mit den Boucicault und Bedford - Meistern bekannt gewesen zu sein. Das Buch wurde höchstwahrscheinlich für Yolanda von Aragon (1380 - 1443), der Witwe von Louis II, des Herzogs von Anjou (1377-1417) hergestellt. Jetzt ist das Buch in der Nationalbibliothek in Paris.

9. DAS STUNENBUCH DES GIANGALEAZZO VISCONTI,



Herzog von Mailand. Giangaleazzo (1351-1402) stürzte 1378 seinen Onkel Bernabo und fuhr fort, seine Herrschaft durch eine Reihe brillianter militärischer Feldzüge auszudehnen. Um 1388 beauftragte er Giovanni dei Grassi, Architekt und Maler ein Stundenbuch herzustellen. Dei Grassi war bereits damit beschäftigt, die neue Kathedrale in Mailand und das Karthäuserkloster in Pavia zu bauen, für deren Durchführung Giangalezzo auch beauftragt war. Der Künster starb im Jahre 1398, nachdem er die Ausschmückung von beinahe der Hälfte der geschriebenen Seiten beendet hatte. Diese wurden separat gebunden. Der Sohn von Giangaleazzo Filippo Maria übertrug die Ausschmückung der übrigen Seiten um 1428 an Belbello von Pavia zur Zeit seiner Hochzeit mit Maria von Savoyen. Beide Künstler hatten großes Interesse an Tieren und Vögeln. Die Seiten von Belbello zeigen einen Bilderzyklus aus dem Alten Testament, eine ungewohnte Besonderheit in einem Stundenbuch. Beide Teile des Buches sind jetzt seit 1959 in der National Bibliotek von Florenz.

10. DAS STUNDENBCUH DES KARDINALS ALESSANDRO FARNESE



im Jahre 1546 vollendet. Es war das Werk von Giulio Clovio (geboren 1498 als Juraij Glovicic in Kroatien). Er starb 1578 in den Diensten des Kardinals Farnese. Der Text wurde von Francesco Monterchi, Sekretär von Pier Luigi Farnese geschrieben, dem Vater des Kardinals Allessandro. Die Schrift ist als die Kanzlei Handschrift bekannt, die viel leichter zu lesen ist als die schwere überfüllte gothische Schriftweise der anderen Bücher, die wir schon gesehen haben.