Der spirituelle Gehalt des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis

Englischer Originaltext: Pater Johann G. Roten SM

Am 8. Dezember feiern wir als Katholiken das Fest der Unbefleckten Empfängnis. [Die katholische Kirche der Vereinten Staaten erklärte das Fest der Unbefleckten Empfängnis sogar zum Patronatsfest der ganzen Nation.]

Die Geschichte dieses Dogmas ist ein ausgezeichnetes Beispiel für den modus agendi des Lehramtes der Kirche, d.h. so weit es nämlich eine gute Erläuterung seiner geduldigen, konsenssuchenden Rolle durch die Jahrhunderte erläutert. Über lange Zeit wurde die komplexe Frage hinsichtlich der Unbefleckten Empfängnis für freie Diskussionen offen gelassen. Später verbot das Lehramt der Kirche, dass der Vorwurf der Häresie um des Friedens willen bezüglich dieses Glaubengeheimnisses gebraucht wird.



Der Papst favorisierte die Orthopraxis vor der Orthodoxie und genehmigte einen liturgischen Gottesdienst am Fest der Unbefleckten Empfängnis Marias (1477). Erst nach der Beratung mit allen Bischöfen, durch ihre Vermittlung mit dem ganzen Volk Gottes und durch die Hilfe verschiedener theologischer Kommissionen, wurde das Glaubensdogma schließlich definiert (1854).

Unsere geistigen, künstlerischen und theologischen Bilder der Unbefleckten Empfängnis sollten Eindrücke der Freude vermitteln. Die Freude ist ein Teil der Schönheit. Die Schönheit erweckt unsere Liebe, sagt Augustinus; wir lieben das, was schön ist. Wenn es der Unbefleckten Empfängnis nicht gelingt, Freude zu vermitteln, ist unser Konzept oder unser Verständnis dieses Privilegs der Liebe mehr als bedenklich.

Und so verkünden wir heute um der Unbefleckten Empfängnis willen eine vierfache Freude:

Wir verkünden, dass Gott über alle Masse liebt; er ist ein Gott, der seine Schöpfung freiwillig und im Überfluss beschenkt. Da sie weder mit Verschlossenheit noch mit kalter Berechnung handelt, stellt seine Liebe die pure Freude des Schenkens dar. Man sollte die Unbefleckte Empfängnis Marias nicht nur mit Bezeichnungen eines brillanten Schrittes in der strategischen Entwicklung der Heilsgeschichte abmessen. Gott liebt Maria um ihrer selbst willen. Eine wahre Liebe ist nicht utilitaristisch, sondern verwegen, weil sie sich ihrer selbst sicher ist und sicher des Geliebten.

Wir verkünden auch die Erhabenheit und den Adel Marias. Sie ist voll der Gnade; jedoch ohne Verdienste bleibt die Königin der Heiligen die Magd des Herrn. Marias Erhabenheit ist von Gott und ihr wahrer Adel ist in ihrer Armut eingewurzelt.

Mit der Unbefleckten Empfängnis verkünden wir gleichzeitig das unbefleckte Konzept der menschlichen Person: Was Maria ist, das sollten wir in Gottes Plan sein, das heißt die lebendige Verkörperung des unverdorbenen Konzepts des Mannes oder der Frau. Das gegenwärtige Dogma handelt nicht nur von Maria, der Ausnahme, sondern auch von uns, von jedem von uns, die wir die unglückliche Regel darstellen. Das unbefleckte Konzept der menschlichen Person weist auf die ursprüngliche Einheit der Schöpfung mit der Gnade hin. Und so wird, was in Maria Wirklichkeit ist, zu unserer Bestimmung, das heißt, dass sie, die Unbefleckte, auf eine sehr reale Weise immer eine Herausforderung für unsere menschliche und religiöse Identität ist.

Wir verkünden auch, dass die Sündenlosigkeit und die Heiligkeit „Privilegien des Tuns“ sind und nicht nur Statussymbole. Alles Tun aus Glauben ist Liebe. Deshalb ist die Unbefleckte Empfängnis eine Vollendung der Liebe.

Wir dürfen uns freuen, weil durch die Sündlosigkeit und die Heiligkeit die Unbefleckte Empfängnis unsere Hodegos wird. Das bedeutet, dass sie für uns den Weg zur Vollkommenheit ist; sie musste den Weg der vollendenden Liebe Christi gehen, den ganzen Weg zum Kreuz und von dort zum gegenwärtigen, jedoch unsichtbaren Herz der Kirche.

Die Unbefleckte Empfängnis ist nicht nur ein Objekt der Bewunderung und des Lobpreises; sie ist wie ein Sauerteig, der in die formlose Masse der menschlichen Hoffnung und Verzweiflung, der menschlichen Leistungsfähigkeit und Unzulänglichkeit gemengt wird.

Lassen Sie mich zwei Möglichkeiten vorschlagen, worüber die Unbefleckte Empfängnis zu uns an diesem Tag und zu dieser Zeit sprechen könnte:

1. Eine der beliebtesten Unterhaltungsformen des New Age Sports heißt channelling. In dieser Tradition könnte man den Erzengel Gabriel, einen Geist namens Ashtar oder Ramtha, einen 35 000 Jahre alten Krieger, von dem berichtet wird, dass er in Atlantis lebte, channeln. Ja, unter unseren Zeitgenossen existiert eine verzweifelte Suche nach dem perfekten Medium, das die allzeit gültige Botschaft übermittelt. Es hat den Anschein, dass Maria durch ihre Unbefleckte Empfängnis abermals die Antwort auf diese Suche ist. Sie ist die vollkommene Übersetzung und Realisierung des Leitprinzips von Mc Luhan, dass „das Medium die Botschaft,“ ist, weil sie keinen, wenn auch noch so geringen, Widerstand der Gegenwart Gottes in ihr und durch sie leistet. In gewisser Hinsicht wird und ist Maria die Botschaft Gottes und bleibt aber gleichzeitig ihr wahres Ich. Warum und Wie? „Solange Du Dich nicht IHM ganz ausgeliefert hast, hast Du Dich nicht wirklich in Besitz.“ Diese von C.S. Lewis gemachte Beobachtung ist in Maria vollkommen realisiert. Ob wir channeln oder nicht, wir sollten in jedem Fall die Botschaft betrachten, die uns Maria in der Reinheit ihrer Person so vollkommen vermittelt: Solange Du Dich nicht IHM ganz ausgeliefert hast, hast Du Dich nicht wirklich in Besitz.“

2. Es wird berichtet, dass Dostoyevski, oft von Sorgen und Depressionen geplagt, jedes Jahr nach Dresden kam nur um für einige Stunden Raphael’s SISTINE MADONNA zu betrachten. Auf die Frage, warum, antwortete er: „Um nicht an der Menschheit zu verzweifeln.“ Maria ist in Wahrheit unsere Schwester und es tut uns gut, dass sie uns so nahe ist. Gleichzeitig ist aber Maria Immakulata auch unser unerreichbares Ideal. Ob wir es wollen oder nicht, wir brauchen Ideale. Wir brauchen unerreichbare Ideale, um dadurch besser Gottes Hilfe und Gnade zu erkennen. Die Immakulata ist ein soleches Ideal; sie vertreibt alle unsere Versuche, Gottes Erlösung zu trivialisieren. So sollten wir nicht vergessen, dass Maria, die wir unsere Schwester nennen, auch gleichzeitig das Inbild der neuen Kreatur in Jesus Christus darstellt.

Artikel 7 der Konstitution der Gesellschaft Mariens bezeichnet Maria als Gott Suchende: „In Maria erkennen wir eine Zusammenfassung der Sehnsucht und des Suchens aller Menschen für Gott.“ Unser Zeugnis sollte von dieser Realität beflügelt werden; da sie eine umfassende Darstellung der Unbefleckt Empfangenen ist, finden wir auch gleichzeitig in Maria die Antwort auf unsere persönliche Suche nach Gott.