Grundsätze für eine umfassende Betrachtung Marias

Englischer Originaltext von P. Johann Roten SM

Es existiert eine ungeheuer große Vielfalt an Literatur von unterschiedlicher Bedeutung über Maria. Ein Großteil davon spiegelt die Liebe und die Achtung für diese demütige Frau wider, die von Gott berufen wurde, eine einzigartige Rolle anzunehmen. Viele andere Schriften, sprich theologische Betrachtungen, bezeugen das unablässige Bestreben, das Geheimnis darüber, wer Maria ist, und wie sie mit Gott in Beziehung steht, zu erkunden. All diese Betrachtungen und Schriften müssen eine gemeinsame Grundlage haben, das ist die Heilige Schrift, im engeren Sinn das Neue Testament.

Maria war eine jüdische Frau aus Galiläa, demnach eine historische Person, wie es in der Heiligen Schrift bestätigt wird. Die Heilige Schrift ist die Grundlage und der Messstab für unsere Betrachtung über die Rolle und die Person Marias. Hier ist es, dass sich die katholische Theologie mit den meisten anderen christlichen Konfessionen verbindet.

Das Christentum ist nicht nur eine Botschaft, sondern Heilsgeschichte, in deren Verlauf sich ein umfassenderes und tieferes Verständnis der Intention und des Werkes Christi vollzog. Dies trifft auf Maria zu und erklärt, warum wir sie zum Beispiel „Mutter Gottes,“ „Unbefleckte Empfängnis“ oder „Königin des Himmels“ nennen.

Jedoch dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass Maria nicht nur aus sich selbst heraus genau verstanden werden kann. Sie ist aufs Engste mit ihrem Sohn Jesus Christus, seinem Leben und seiner Erziehung, seiner Menschwerdung und Erlösung verbunden. Dies heißt auch, dass die Person und die Sendung Marias durch den Willen des Vaters und der Gnade des Heiligen Geistes gestaltet worden sind.

Ein Großteil der Betrachtungen über Maria haben das Ziel, ein umfassenderes Verständnis der Kirche zu erlangen. Maria ist der Entwurf dessen, was es heißt, ein Glied der Kirche zu sein. Deshalb wird sie das Urbild, das Vorbild und sogar die Mutter der Kirche genannt. Zur gleichen Zeit ist sie das hervorragende Glied der Kirche, denn Maria ist keine Göttin, sondern ein Geschöpf Gottes, das wie wir alle seiner Liebe bedürftig ist.

Maria ist keine Frau der Vergangenheit, d.h. sie ist nicht nur eine wunderschöne Erinnerung oder ein nützliches Sinnbild für ein besseres Verständnis der christlichen Geschichte. Sie nimmt hingegen einen aktiven Teil an dem Prozess ein, den wir Heilsgeschichte nennen. Ihre Sendung hört nicht auf. Wir nennen sie Mutter der Kirche. Sie bietet uns ihre mütterliche Gegenwart an. Diese fortdauernde Rolle Marias wird in der Liturgie hervorgehoben, die auf diese Weise eine wichtige Quelle nicht nur des Wissens über Maria wird, sondern auch eine lebendige spirituelle Beziehung zu ihr herstellt. Diese lebendige spirituelle Beziehung kommt in einer reichen Vielfalt in der Verehrungen Marias zum Ausdruck.

Die Marienverehrung, die sich in Lobpreis und Anrufung, im Gebet mit, durch und zu Maria ausdrückt, ist keine Götzenverehrung. Wir beten Maria nicht an, das heißt, wir vergöttern sie nicht. Sie ist die Vermittlerin, die uns zu Jesus, dem einzigen Mittler bringt.

Die Person Marias ist sehr beliebt. Sie zieht auch die Aufmerksamkeit von jenen an, die sie ablehnen. Maria könnte als eine ambivalente Person betrachtet werden, weil sie in ihrer Person dem Anschein nach im Gegensatz stehende Charakterzüge vereint. Sie ist sowohl die Maria aus Galiläa und die Königin des Himmels. Der letztere ist kein Ehrentitel, sondern er weist auf den realen Grund für Marias wichtige Bedeutung für die Christenheit hin. Sie ist die einzige menschliche Person, die im Namen der ganzen Menschheit ihre völlige Zustimmung und Hingabe zu Gottes Angebot eines neuen Lebens nach seinem Abbild für die ganze Menschheit gab. Dieser einzigartige Akt und seine praktischen Folgen stellen den wahren Grund für die riesige Beliebtheit Marias und ihre universale Bedeutsamkeit dar. Da sie zuerst als Mutter gegrüßt wurde, übersteigt Marias Anziehungskraft die katholische und christliche Religion und wird dadurch zu einer Brücke zur menschlichen Psyche auf der Suche nach Zuneigung, Geborgenheit und Sorgsamkeit.