Jungfräulichkeit

MARIAS IMMER- WÄHRENDE JUNGFRÄULICHKEIT

Englischer Originaltext von Denis Vincent Wiseman, O. P.

TEIL I: DIE JUNGFRÄULICHKEIT IN DER HEILIGEN SCHRIFT

Unser gesamtes Wissen über die jungfräuliche Empfängnis Jesu durch Maria stammt aus den Evangelien des Matthäus und des Lukas. Weder Paulus, Markus oder Johannes erwähnen diesen Sachverhalt. Raymond Brown erklärt, dass der Glaube an die jungfräuliche Empfängnis schon vor den Evangelien nach Matthäus und



Lukas lebendig war:

Es scheint eindeutig zu sein, dass die beiden Evangelisten, die üblicherweise als Matthäus und Lukas bekannt sind und im Zeitraum von 80-100 A.D. geschrieben haben, glaubten, dass Maria trotz der Empfängnis Jesu körperlich eine Jungfrau geblieben ist und keinen Geschlechtsverkehr mit Josef hatte … Keiner der Evangelisten kannte die Kindheitsgeschichten der anderen und die Tatsache der jungfräulichen Empfängnis durch die Kraft des Heiligen Geistes ist einer der wenigen Punkte, über den sie sich einig sind; daraus schließen wir, dass diese Tradition beiden Berichte voranging. Sie war in der Tat lang genug im Umlauf gewesen, so dass sie sich in diversen Geschichten verbreitet und entwickelt hat, die in verschiedenen christlichen Gemeinschaften in Umlauf gebracht worden sind.1

Durch die an Josef gemachten Offenbarungen im Matthäusevangelium (1,18-25) erfahren wir von der übernatürlichen Empfängnis Jesu. Maria ist mit Josef verlobt. Zu jener Zeit gab es im jüdischen Volk zwei Phasen der Eheschließung. Der erste Schritt war die Verlobung, die mit einer Einwilligung vor Zeugen verbunden war. Dieser Vertrag war so bindend, dass die Frau schon Ehefrau genannt werden konnte; so z.B. wird in Mt 1, 20;24 Maria als die gynê Josefs bezeichnet. Die Braut verblieb ungefähr ein Jahr lang bei ihrer Familie, wonach sie in das Haus ihres Ehemannes gebracht wurde. In einigen Teilen Judäas durfte der Mann während dieser Phase schon mit seiner Verlobten alleine sein; aber dies war in Galiläa nicht erlaubt.2. Obwohl nach Matthäus Maria und Josef in Bethlehem und nicht in Galiläa wohnten, stellt Brown fest: „Die Schilderung der jungfräulichen Empfängnis durch Matthäus muss auf dem Hintergrund eines besonders galiläischen Heiratsbrauchtums verstanden werden.“3

In 1, 19 berichtet Matthäus: „Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen.“ Dieser Sachverhalt wird normalerweise so interpretiert, dass Josef vermutete, dass irgendetwas nicht stimmte. Die Neue Amerikanische Bibel bestätigt: „Als frommer Befolger des mosaischen Gesetzes wollte Josef seine Verbindung mit jemandem abbrechen, den er eines schwerwiegenden Verstoßes gegen das Gesetz verdächtigte. Im Allgemeinen wird gesagt, dass das Gesetz es von ihm verlangte, dies zu tun, aber die Texte, die meist zugunsten dieser Sichtweise angegeben werden (z.B. Dt 22, 20f) treffen nicht eindeutig auf die Situation Josefs zu. Er wollte sie nicht der Schande aussetzen; die Strafe für erwiesenen Ehebruch war Tod durch Steinigung (vgl. Dt 22,ff).“4.

Die Neue Jerusalemer Bibel bietet zwei Möglichkeiten an: „Josef, der rechtschaffen ist, möchte nicht das Kind eines unbekannten Vaters als sein eigen angeben. Eine andere Erklärung ist, dass er aus Ehrfurcht vor dem Geheimnis der Mutterschaft Marias sich nicht in der Lage sieht, die Ehe mit Maria einzugehen; deswegen musste er durch die Botschaft des Engels überzeugt werden, dass es auch jetzt noch der Wille Gottes ist, dass er sie zur Frau nimmt.“5.

Rene Laurentin unterstützt die letztere Ausführung: „Dieser Bericht von Matthäus enthält keinerlei Hinweis auf irgendeinen Verdacht von der Seite Josefs … Was Josef nach Matthäus 18 wusste ist, dass dieses Kind Gott allein gehört. Das Recht verlangte, dass er sich nicht darum bemüht, weder das heilige Kind, das ihm nicht gehörte, noch diese Ehefrau, die Gott gehörte, zu seinem eigen zu machen. Deshalb zog er sich auf ruhige Weise zurück, um zu vermeiden, dass Maria in eine heikle Situation gerät.“6. Laurentin räumt ein, dass die Interpretation, die als „Verdacht des Josef“ bezeichnet wird, in der Exegese fortschreitend von Justinus, Ambrosius, Augustinus und Chrysostomos an dominant gewesen ist.“7.

In Anlehnung an Isaias 7,14 lesen wir bei Mt. 1,22-23: „Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte,was der Herr durch den Propheten gesagt hat: ‚Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben.‘“ Das Hebräisch zur Zeit Isaias verwendet das Wort 'almâ, die Bezeichnung für ein junges Mädchen im heiratsfähigen Alter. In diesem Zusammenhang prophezeit Isaias während des Syrisch–Efraimitischen Krieg des Jahres 734, dass Gott dem König Ahas ein Zeichen geben wird, und zwar die Geburt eines Sohnes von einer jungen Frau.

Vermutlich im dritten Jahrhundert, vielleich auch schon im zweiten Jahrhundert, vor Christus fassten in Alexandria (Ägypten) lebende Juden eine griechische Übersetzung der Hebräischen Schriften ab. Diese wurde Septuaginta genannt, was siebzig bedeutet und daher auch als LXX bekannt ist. Der Name erinnert an die (nicht begründete) Legende), dass 72 Kirchenälteste die Übersetzung in 72 Tagen ausführten. Da diese Fassung der Heiligen Schrift von den griechisch sprechenden Juden verwendet wurde, war es die Version, die von den meisten der frühen Christen verwendet wurde. Im Allgemeinen werden die Verweise des Neuen Testaments auf das Alte Testament nach der Septuaginta zitiert.

In der Septuaginta wird das hebräische Wort 'almâ mit dem griechischen Wort parthenos übersetzt, was soviel wie ‚Jungfrau‘ bedeutet. Die Übersetzung der Septuaginta impliziert nicht notwendigerweise, dass das Kind empfangen werden wird, während die Frau eine Jungfrau ist. Matthäus jedoch sieht in diesem Text, in dem eine Jungfrau ein Kind zur Welt bringt, einen tieferen Sinn. Matthäus macht geltend, dass sich nun erfüllt, was der Herr durch den Propheten gesprochen hat. Dies ist ein gutes Beispiel für den Unterschied zwischen der wortgetreuen Bedeutung des Isaias, des ursprünglichen Verfassers, und einem von der Kirche verstandenen tieferen Sinn, der von Gott, wenn nicht gar durch den menschlichen Verfasser beabsichtigt war. Die Neue Jerusalem Bibel räumt ein, dass Isaias auf jeden Fall mehr meinte, als nur die Geburt eines Kindes:

Selbst wenn Isaias vornehmlich die Geburt des Sohnes von Ahas, zum Beispiel des Hiskijas, ankündigen wollte, … können wir aus der Erhabenheit der prophetischen Rede und der klaren Bedeutung des symbolischen Namens, der dem Kind gegeben wurde, erkennen, dass Isaias mehr in dieser königlichen Geburt sah als die augenblicklichen Umstände; es geht ihm um das entscheidende Eingreifen Gottes im Blick auf die endgültige Errichtung des messianischen Königreiches. Somit reicht die Prophezeiung des Immanuels über die unmittelbare Verwirklichung [der Geburt des Sohnes von Ahas] hinaus; denn wenn Matthäus (1,23), Isaias 7,14 zitiert, und Matthäus 4, 15-16 (vgl. Jo 1,5) Isaias 8,23-9,1 zitiert, gefolgt von der ganzen christlichen Tradition, weist das darauf hin, dass sie diese Texte als eine Weissagung der Geburt Christi verstanden.8.

Matthäus beruft sich nicht auf Isaias 7,14 als die Quelle für den Glauben an die jungfräuliche Empfängnis Jesu. Die Autoren des ökumenischen Werkes Maria im Neuen Testament bemerken:

Es unwahrscheinlich, dass Matthäus erst auf die Idee einer jungfräulichen Empfängnis Jesu durch das Reflektieren über Isaias 7,14 kam, einen Text, den, soweit wir wissen, noch kein Jude bis dahin als Anzeichen einer jungfräulichen Empfängnis des Messias angesehen hatte. Wenn es jedoch bereits eine Grundlage dafür gegeben hat, dass Jesus jungfräulich empfangen worden war, mag dies Matthäus an Isaias 7,14 erinnert haben, die er dann als Weissagung dieser Empfängnis um interpretiert haben könnte.9.

Brown bestätigt gleichfalls in seinem Werk Die jungfräuliche Empfängnis und die leibliche Auferstehung Jesu:

Es ist zweifelhaft, dass Isaias 7,14 die Quelle für Matthäus bezüglich der jungfräulichen Empfängnis war; anderswo, Kapitel 2 mit eingeschlossen, gehört es zur Gepflogenheit des Matthäus Erfüllung oder zitierte Stellen [aus dm AT]den existierenden Traditionen anzufügen. Und es gibt tatsächlich keinen Beweis, dass Isaias 7,14 irgendeine gravierende Rolle beim Gestalten des lukanischen Berichtes der jungfräulichen Empfängnis gespielt hat.10.

Matthäus 1,25 berichtet: „Er erkannte sie aber nicht, bis sie ihren Sohn gebar. Und er gab ihm den Namen Jesus.“ Bei Lukas ist es Maria, die ihren Sohn Jesus nennt (Lk 1,32). Das Wort bis bzw. eos ist mehrdeutig. Das Anliegen des Matthäus besteht darin, die jungfräuliche Empfängnis Jesu zu erklären. Der gleiche Ausdruck wird in der LXX verwendet, um Samuels Beziehung zu seiner Frau Michal, der Tochter des Saul, zu verdeutlichen. „Und Michal, die Tochter des Saul, hatte kein Kind bis (eos) zu dem Tag ihres Todes“ (2 Samuel 6,23).

Bei Lukas 1,34 antwortet Maria auf die Botschaft des Engels, dass sie ein Kind haben wird: „Ich erkenne keinen Mann“ - epei andra ou ginosko. „Erkennen“ ist der semitische Ausdruck für sexuelle Beziehungen. Das gleiche Wort wird in Mt 1,25 gebraucht: „Er erkannte sie nicht“ – eginosken. Lukas stellt damit klar, dass Maria eine Jungfrau ist. Die Jungfräulichkeit war bei den Juden eher verschmäht. Deshalb geht z.B. Jephtes Tochter ins Gebirge, um ihre Jungfräulichkeit zu betrauern, weil „sie noch nie mit einem Mann geschlafen hatte“ (Richter 11,39). In ähnlicher Weise spricht Richter 21,12 von vierhundert Jungfrauen, „die noch nie mit einem Mann geschlafen haben“ und deswegen unerfüllt waren.

Ignace de la Potterie erhebt die Frage, ob Maria beabsichtigt hatte, ihre Jungfräulichkeit trotz ihrer Ehe mit Josef zu bewahren. Er schreibt: „Wir glauben nicht, dass es sich hier um die Frage eines bewussten Entschlusses, die Jungfräulichkeit zu bewahren, handelt. Dies würde sicher den Text über interpretieren. In diesem Augenblick in der Heilsgeschichte wäre das ein Anachronismus. Es ist eher eine Frage der Orientierung oder einer tiefen Neigung zur jungfräulichen Lebensweise; eines heimlichen Verlangens nach Jungfräulichkeit, das Maria erwiesenermaßen existentiell erfahren hatte. Diese Neigung mit einem Entschluss gleich zu setzen widerspricht allerdings dem Umfeld, in dem sie lebte.“11.

1997 lenkt Papst Johannes Paul II in einer seiner Mittwoch Generalaudienzen die Aufmerksamkeit auf die Frage Marias: „Wie kann dies sein?“ Deutet diese Frage nicht auf Marias Absicht, eine Jungfrau zu bleiben? Der Papst erwähnt, dass die Ehelosigkeit bei den Essenern in Qumran und von Anhängern einer Sekte, den Therapeutae, praktiziert wurde, die mit den Essenern in Ägypten verbunden war. Der Papst bezweifelt, dass Maria von diesen Bewegungen wusste. Er glaubt vielmehr, dass die Gnade eines zölibatären Lebens mit ihrer Unbefleckten Empfängnis verbunden ist.

Obwohl das zweite Kapitel bei Lukas die Jungfräulichkeit Marias nicht hervorhebt, tut dies eine kleine Nebenbemerkung im dritten Kapitel. In seiner Genealogie berichtet uns Lukas 3,23: „Jesus war etwa dreißig Jahre alt, als er zum ersten mal öffentlich auftrat. Man hielt ihn für den Sohn Josefs.“ Da in der Genealogie des Matthäus die Ahnenreihe Jesu bis Josef und nicht bis Maria aufgezeichnet ist … wird Josef somit eine rechtmäßige oder eine im Allgemeinen geschätzte Vaterschaft zugeschrieben; Jesus wird als sein Erbe angesehen. Dies ist auch der Grund, weshalb Maria und Josef als seine Eltern beschrieben werden, und Maria spricht zu Jesus über Josef als dein Vater (Lk 2,48; vgl.Lk 4,22; Jo 1,45; 6,42.)“12.

Traditionell sprechen wir von der Jungfräulichkeit Marias ante partum (vor der Geburt Jesu), in partu (während der Geburt ohne Zerreißen des Hymens; oder eine Geburt ohne Schmerzen) und post partum (nach der Geburt Jesu). Hierbei erhebt sich eine Frage in Bezug auf die Brüder und Schwestern des Herrn . Wenn diese die Kinder Marias sind, dann können wir nur im Hinblick auf die Empfängnis Jesu und möglicherweise auch auf seine Geburt von der Jungfräulichkeit Marias sprechen.

Hinweise auf die Brüder und gelegentlich auch auf die Schwestern Jesu finden wir in diversen Stellen im Neuen Testament: wie z.B. bei Markus 3,31; 6,3; Matthäus 13,55; Lukas 8,19f; Johannes 2,12; 7,5; Apostelgeschichte 12,17; 15,13; 21, 18; 1 Korinther 15,7; Galater 1,19; 2,9, 12; Jakobus 1,1; Judas 1.

Die Autoren von Maria im Neuen Testament heben hervor:

Die Bezeichnung adelphos, die in Markus 6,3 verwendet wird, bezeichnet normaler weise einen Blutbruder, d.h. „einen Sohn von der gleichen Mutter,“ frater germanus. Es ist wohl bekannt, dass im Neuen Testament adelphos gelegentlich andere Beziehungen herausstellt: z.B. „Glaubensbrüder“ (Röm 9,3) spricht von adelphos im Plural und bezieht diesen Begriff auf Blutsverwandte [syngeneis]; „Nachbar“ [Mt 5,22ff]) - aber diese Beispiele helfen uns nicht bei dem vorliegenden Problem, denn hier werden auch die Mutter Jesu und seine Schwestern erwähnt. Die Verwendung von adelphos bezeichnet auch den Stiefbruder in Markus 6,17f. Im Griechischen wird adelphos manchmal im weitesten Sinn von ‚Angehöriger, Verwandter‘ gebraucht, z. B. in der LXX Genrdis 29,12. Dort erklärt Jakob Rebekka, „dass er der adelphos (Verwandter) seines Vaters“ sei, siehe auch Gen 24,48. Der griechische Gebrauch spiegelt hier offensichtlich das zu Grunde liegende Hebräisch wider, worin 'ah sowohl (Bluts-) Bruder als auch Verwandter bedeutet. Die gleiche Spannweite der Bedeutung scheint auch auf das Aramäische zutreffen.13.

Fitzmyer stellt außerdem fest:

Für das Wort adelphos können andere Beziehungen gebraucht werden: Nachbar (Mt 5,22–24), Glaubensbruder (Röm 9,3 - syngenes, Freund, Verwandte/r), Stiefbruder (Mk 6,17-18); es sei denn, dass sich der Evangelist über die verwandtschaftlichen Beziehungen von Philipp zum Verwandten oder Angehörigen von Herodes getäuscht hat (so z.B. in der LXX: Gen 13,8; 14,14; 24,27; 29,12). Der Gebrauch in der LXX mag den weiteren Sinn des hebräischen 'ah oder des aramäischen aha für Bruder, Verwandter widerspiegeln. Folglich trägt ein aramäischer Papyrus die Anfangsformel: ‚An meinen Sohn von Deinem Bruder,‘ eine Anrede, die ein Vater in einem Brief an seinen Sohn, der mit einer Karawane unterwegs ist, gebraucht. ... Das gleiche wird gelegentlich in griechischen Texten gefunden …14.

In dem Text gibt es einen Hinweis, der deutlich auf die Möglichkeit verweist, dass jene, die als adelphoi beschrieben werden, nicht die Blutbrüder Jesu sind. In Markus 6,3 werden Jakobus und Joses, Judas und Simon als Brüder Jesus bezeichnet. Dann, als Markus die Frauen beim Kreuz Jesu genau benennt stellt er fest: „Zwischen ihnen waren Maria Magdalena, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und von Joses sowie Salome“ (15,40). Ist dies ein Zufall? In Matthäus 13,55 sind seine Brüder Jakobus, Josef, Simon und Judas. Wenn Matthäus die Frauen am Kreuz benennt, führt er auf: „Unter ihnen waren Maria Magdalena und Maria, die Mutter von Jakobus und Josef und die Mutter der Söhne des Zebedäus.“

Die Autoren von Maria und das Neue Testament kommen zu folgendem Schluss:

Wir sind uns in folgenden Punkten einig: 1) Die fortwährende Jungfräulichkeit Marias nach der Geburt Jesu ist keine Frage, die unmittelbar durch das Neue Testament erhoben wird. 2) Erst als diese Frage in der späteren Kirchengeschichte erhoben wurde, richtete sich die Aufmerksamkeit auf die exakte Beziehung der Brüder (und Schwestern) zu Jesus. 3) Nachdem dieser Sachverhalt geklärt ist, kann nicht einfach behauptet werden, dass das Neue Testament sie als Blutbrüder und -schwestern und somit als Kinder Marias identifiziert hat. 4) Die Lösung, die von den Gelehrten favorisiert wird, ist abhängig von der Autorität, der sie zuerkennen, spätere Erkenntnisse der Kirche zu vermitteln.15.

Eine gründliche Studie des Themas wurde von Joseph Blinzler in Die Brüder und Schwestern Jesu (SBS 21; Stuttgart: Katholisches Bibelwerk, 1967) erstellt. Er kam zu dem Ergebnis, dass jene, die als Brüder und Schwestern bezeichnet wurden, Cousins und Cousinen waren.

TEIL II: DIE JUNGFRÄULICHKEIT BEI DEN KIRCHENVÄTERN

Der erste Hinweis bei den Vätern auf die Jungfräulichkeit Marias finden wir bei Ignatius von Antiochien, der zwischen 110-115 AD. starb. Eines seiner Anliegen war, die Doketisten zu widerlegen, die die Realität des Leibes Jesu leugneten. Nach ihrer Ansicht konnte die Materie nicht geistlich sein, deshalb konnte Jesus nur scheinbar einen Leib haben. Zwei der fünf Hinweise von Ignatius auf Maria sprechen ihre Jungfräulichkeit an:

Ihr seid vollkommen davon überzeugt, dass unser Herr in Wahrheit aus der Familie Davids dem Fleisch nach stammt und als Sohn Gottes durch den Willen und die Kraft Gottes wahrhaftig von einer Jungfrau geboren wurde (Brief an die Smyrner 1, 1).

Und vor dem Fürsten dieser Welt verborgen waren die Jungfräulichkeit Marias, dass sie Jesus geboren hat und der Tod des Herrn: drei Geheimnisse, die danach schreien, berichtet zu werden, die jedoch im Stillschweigen Gottes gewirkt wurden (Brief an die Epheser 19,1).

Ein anderer Autor ist der Apologet Aristides von Athen, der um 145 starb. Er schreibt: „Wir bekennen, dass der Sohn des höchsten Gottes vom Himmel im Heiligen Geist herabgestiegen ist und von einer Jungfrau Fleisch angenommen hat.“16.

Ein sonderbares Werk, das in der Mitte des zweiten Jahrhunderts geschrieben wurde, ist das apokryphische Protoevangelium des Jakobus. In diesem Bericht betrauert Anna, die Ehefrau des Joachim, ihre Unfruchtbarkeit. Nachdem Anna eine Erscheinung von zwei Engeln hatte, bringt Joachim Opfer dar und Anna bringt Maria zur Welt. Als Maria drei Jahre alt ist bringen sie ihre Eltern in den Tempel, wo sie auf den Stufen des Altars tanzt.

Maria bleibt im Tempel und wird von Engeln mit Nahrung versorgt. Als sie zwölf Jahre alt ist, beschließt der Hohepriester, dass sie verheiratet werden solle, und er forderte die Witwer auf, ihre Stäbe zu bringen. Aus dem Stab Josefs fliegt eine Taube heraus und ruht auf seinem Haupt. Josef beteuert, dass er ein alter Mann ist. In der Zwischenzeit wird Maria vom Hohenpriester aufgefordert, einen neuen scharlachfarbenen Vorhang für den Tempel zu spinnen.

Einmal als Maria Wasser vom Brunnen holt, erlebt sie die Verkündigung und besucht darauf ihre Cousine Elisabet. Josef geht fort, um Häuser zu errichten. Als er zurückkehrt, erschrickt er, als er wahrnimmt, dass Maria schwanger ist, und er glaubt, dass er verantwortlich ist, weil er sie nicht sorgfältiger behütet hat. Als der Priester in Erfahrung bringt, dass Maria schwanger ist, führt er eine Probe durch. Josef muss irgendeinen Trank trinken, der sein Verbrechen kundtun soll. Als Josef gesund bleibt, schickt sie der Priester fort. Aufgrund des Dekretes, das zum Zensus aufruft, geht das Ehepaar nach Bethlehem, wo Jesus in einer Höhle geboren wird. Josef sucht nach einer Hebamme. Salome, eine andere Frau, bestätigt ihr, dass Marias Jungfräulichkeit unversehrt ist, weil aber die Hebamme daran zweifelt, bleibt ihre Hand solange verdorrt, bis ein Engel sie heilt. Nach dem Kommen der Weisen, trachtet Herodes danach, die Kinder zu töten. Elisabet sucht nach einem Platz, um ihren Sohn Johannes im Gebirge zu verstecken. Dieses teilt sich, um sie zu verbergen. Als Herodes den Johannes nicht finden kann, schickt er seine Soldaten zum Tempel aus, wo sie Zacharias ermorden, der gerade ein Opfer am Altar darbringt.17.

Der Unterschied zwischen der Einfachheit der Evangelien der Kirche und diesem Werk ist offensichtlich. Die apokryphe Schrift neigt dazu, sich auf verwickelte, komplizierte und magische Sachverhalte zu konzentrieren. Zum Beispiel eine Taube, die aus dem Stab des Josefs heraus fliegt. Rene Laurentin meint über dieses Werk:

Das Protoevangelium des Jakobus ist ein apokryphisches Evangelium ohne jeglichen historischen Wert. Ich sage nicht … ohne Nutzen. Das Protoevangelium des Jakobus bezeugt nicht nur eine große Verehrung von Maria, sondern auch einne tiefen Einblick in ihre Heiligkeit und ihre Jungfräulichkeit, jedoch seines hohen Alters ungeachtet (Mitte des zweiten Jahrhunderts) zeigt es (anders als unsere Evangelien) eine ungeheure Ignoranz in Bezug auf die jüdischen Sitten und Gesetze, die im Tempel in Jerusalem wirksam waren. Es ist ziemlich ausgeschlossen, dass ein kleines Mädchen mit drei Jahren dort aufgezogen wurde; geschweige denn, dass sie im Allerheiligsten wohnte, das den Priestern und nur an feierlichen Anlässen vorbehalten war.18.

Luigi Gambero macht diese Feststellung:

Offensichtlich können solche Werke wie das Protoevangelium nicht das Siegel der göttlichen Inspiration für sich geltend machen. Jedoch halfen sie irgendwie den ersten Generationen der Christen, die Wahrheit bestimmter Geheimnisse intuitiv zu erahnen, deren dogmatische Formulierung später immer deutlicher angesichts der göttlichen Offenbarung werden würde; diese Schriften gaben auch Orientierung mittels der die Gläubigen danach strebten, immer näher an das unergründliche Geheimnis der Mutter Gottes heranzukommen... Der Autor des Protoevangeliums, der ein Sammler von verschiedenen Geschichten und Traditionen ist, kann als sehr früher und gültiger Zeuge für den Glauben des christlichen Volkes an die vollkommene Heiligkeit und Jungfräulichkeit der Mutter des Herrn betrachtet werden.19.

Die Autoren von Maria im Neuen Testament heben den Beitrag des Justinus hervor:

Erst durch Justinus, den Märtyrer, den Apologeten und Philosophen (gest. ca. 165 AD) erlangten marianische Themen und besonders das der jungfräulichen Empfängnis Jesu eine gewisse Bedeutung in der theologischen Diskussion. Wie wir bereits erwähnt haben ist es möglich, dass Justinus das Protoevangelium kannte und es benützte. Sein Interesse war jedoch hauptsächlich einem christologischen und soteriologischen Ziel gewidmet: Die Geburt Jesu von der Jungfrau ist einerseits Beweis seiner Messiaswürde und anderseits das Zeichen einer neuen Zeit.20.

Bei Clemens von Alexandria (150-215) finden wir eine Erläuterung der Jungfräulichkeit Marias, die den Einfluss des Protoevangeliums oder ähnlicher Quellen zu zeigen scheint:

Aber, wie es scheint, betrachten viele, selbst bis in unsere Zeit hinein, Maria auf Grund der Geburt ihres Kindes, dass sie im Wochenbett lag, obwohl dies nicht der Fall war. Denn manche meinen, dass, nachdem sie geboren hatte, wurde sie bei einer Untersuchung als Jungfrau vorgefunden. ... „Und sie gebar und dennoch hat sie nicht geboren“ sagt die Heilige Schrift; als ob sie von sich aus empfangen hätte und nicht aus einer [ehelichen]Verbindung.21.

Tertullian (155/160-240/250) wurde in Karthago geboren. Er bestätigt die jungfräuliche Empfängnis Jesu:

Es wird nunmehr zuerst vonnöten sein, zu zeigen, welcher vorangegangene Grund für den Sohn Gottes bestand, dass er von einer Jungfrau geboren wurde. Er, der gerade dabei war, eine neue Ordnung der Geburt zu inaugurieren, musste selbst auf eine neue Weise geboren werden, die mit dem zu tun hatte, was Isaias darüber vorhergesagt hatte, dass der Herr selbst ein Zeichen geben würde. Was ist denn das Zeichen? „Siehe, eine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären“ (Is 7,14). Folglich empfing und gebar eine Jungfrau „Immanuel, den Gott mit uns“ (Mt 1,23). Dies ist eine neue Geburt; ein Mensch wird in Gott geboren. Und in diesem Menschen wurde Gott geboren, der aus einem alten Geschlecht Fleisch an nahm, jedoch ohne die Hilfe des alten Samens, damit er es mit neuem Samen auf geistliche Weise umgestalten, und es durch die Beseitigung aller alten Makel reinigen könnte. Aber das Ganze dieser neuen Geburt wurde in einem altertümlichen Typus angekündigt, wie es der Fall bei allen anderen Beispielen war: der Gott, der als Mensch durch eine göttliche Fügung geboren wird, bei der die Jungfrau das Medium war. Die Erde war noch in einem jungfräulichen Zustand, bisher noch nicht durch menschliche Arbeit beackert, ohne Samen, der bis jetzt noch nicht in ihre Furchen geworfen wurde, als, wie wir erfahren haben, Gott den Menschen daraus als ein lebendes Wesen erschaffen hat. So wie uns damals der erste Adam vorgestellt worden ist, ist es angemessen, dass der zweite Adam gleichermaßen, so wie der Apostel es uns gesagt hat, von Gott zu einem belebten Geist aus der Erde heraus gebildet wurde – mit anderen Worten, aus dem Fleisch, das bislang nicht von irgendeiner menschlichen Generation befleckt worden ist.22.

Obwohl Tertullian die jungfräuliche Empfängnis Jesu durch Maria bejahte, hielt er nicht daran fest, dass Maria bei der Geburt Jungfrau war. Auch betrachtete er die „Brüder und Schwestern“ als Blutbrüder und -schwestern Jesu.

Origenes (185-254) wurde in Alexandria geboren. Er glaubte an die fortwährende Jungfräulichkeit Marias und sagte: „Maria hatte außer Jesus kein Kind; das ist die Auffassung jener, die in richtiger Weise über sie denken.“23. Die gleiche Lehre wird in seinem Kommentar über Matthäus gefunden:

Jene, die so sprechen, beabsichtigen, die jungfräuliche Würde Marias, die sie bis zum Ende bewahrte, zu schützen. Aus diesem Grund hatte der Leib, der dazu auserwählt worden war, der Welt zu dienen, keinerlei Beziehungen zu einem Mann nach dem Zeitpunkt, an dem der Heilige Geist auf sie herab kam und die Kraft des Allerhöchsten sie überschattete.24.

Athanasius (295-373), der Bischof von Alexandria war, trägt folgendes Argument für die fortwährende Jungfräulichkeit Marias aus dem Johannesevangelium vor:

Wenn Maria einen anderen Sohn gehabt hätte, würde der Erlöser sie nicht vernachlässigt und auch nicht seine Mutter einer anderen Person anvertraut haben; in der Tat war sie nicht Mutter eines anderen geworden. Außerdem würde Maria nicht ihre eigenen Söhne verlassen haben, um mit einem anderen zusammen zu leben, denn sie hatte vollauf begriffen, dass eine Mutter niemals weder ihren Gatten noch ihre Kinder verlässt. Und da sie selbst nach der Geburt des Herrn noch eine Jungfrau blieb, gab er sie dem Jünger als Mutter, auch wenn sie nicht seine Mutter war; er vertraute sie Johannes an wegen seiner großen Lauterkeit des Gewissens und wegen ihrer unversehrten Jungfräulichkeit.25.

Beim heiligen Ambrosius (339/340-397), dem Bischof von Mailand, sehen wir einen deutlichen Hinweis auf die Jungfräulichkeit Marias bei der Geburt:

Obwohl Christus aus dem Leib der Jungfrau geboren wurde, bewahrte er dennoch die Umfriedung ihrer sexuellen Enthaltsamkeit und das unberührte Siegel ihrer Jungfräulichkeit.26. Und: Siehe das Wunder der Mutter unseres Herrn. Sie empfing als eine Jungfrau; sie gebar als eine Jungfrau. Sie war eine Jungfrau, als sie empfing, eine Jungfrau, als sie schwanger war, eine Jungfrau nach der Geburt: wie es bei Hesekiel steht: Und das Tor wurde geschlossen, und es wurde nicht geöffnet, denn der Herr war hindurch gezogen.27.

Der heilige Hilarius (315-367), Bischof von Poitiers und ein Verteidiger des Glaubensbekenntnisses von Nicäa gegen die Arianer, argumentiert auf der Basis des Johannesevangelium in Bezug auf die immer-währende Jungfräulichkeit Marias:

In der Tat verleihen zahlreiche verkommene Männer ihrer Anschauung Autorität, dass unser Herr Jesus Christus dafür bekannt war, Brüder (und Schwestern) zu haben. Wenn diese indes wirklich die Söhne Marias waren und nicht diejenigen des Josefs aus einer früheren Ehe, dann würde niemals unser Herr in der Zeit seiner Passion Maria dem Apostel gegeben haben, um dessen Mutter zu sein, indem er zu beiden sagte: „Frau, siehe deinen Sohn“und zu Johannes „Siehe, deine Mutter.“ Damit hat die Liebe eines Sohnes in dem Jünger seiner nunmehr verlassenen Mutter zum Trost einen Sohn hinterlassen.28.

Epiphanius von Salamis (gest. 403) lehrte folgendes über die immer-währende Jungfräulichkeit Marias: „Ist nicht der eigentliche Name (Jungfrau) genug Zeuge dafür? Reicht es nicht, um dich zu überzeugen, dich streitsüchtigen Burschen? Giebt es überhaupt jemanden, der sich getraute, den Namen der heiligen Maria auszusprechen, ohne sogleich den Titel Jungfrau hinzuzufügen.29. Epiphanius sah Josef als alt an, und war der Überzeugung, dass die Brüder Jesu Kinder aus einer früheren Ehe des Josef stammten.

Hieronymus (347-419/420) wurde in Stridon in Dalmatien, dem heutigen Kroatien geboren und starb in Bethlehem. Wir finden sehr deutliche Lehren über die immer-währende Jungfräulichkeit Marias in seinem Werk gegen Helvidius:

Ich wurde vor kurzem durch bestimmte Brüder gebeten, ein Pamphlet zu beantworten, das von einem gewissen Helvidius geschrieben wurde. Ich habe gezögert, dies zu tun, nicht weil es eine schwierige Sache ist, die Wahrheit aufrecht zuhalten und einen ignoranten ungebildeten Kerl zu widerlegen, der kaum den ersten Schimmer des Wissens kennen gelernt hat, sondern weil ich Angst hatte, meine Antwort könnte ihn als verteidigungswert erscheinen lassen …! Ich muss den Heiligen Geist anrufen, um Seine Meinung durch meinen Mund auszudrücken und die Jungfräulichkeit der heiligen Maria zu verteidigen. Ich muss den Herrn Jesus anrufen, um die heilige Wohnung des Leibes zu beschützen, in dem er zehn Monate lang nach dem Verdacht des Geschlechtsverkehrs wohnte. Und ich muss auch Gott, den Vater, anflehen, uns kundzutun, dass die Mutter seines Sohnes schon Mutter war, bevor sie eine Braut wurde, und eine Jungfrau blieb nachdem ihr Sohn geboren wurde.30.

Hieronymus antwortet auf die Anrufung des Helvidius an Tertullian: „Da er sich als Stümper fühlte, weist er alsdann Tertullian als Zeugen vor … Über Tertullian sage ich nicht mehr als dass er nicht zur Kirche gehört.“31. Hieronymus achtete die apokryphischen Evangelien gering: „Keine Hebamme stand bei seiner Geburt bei, der Übereifer von keiner Frau kam dazwischen. Mit ihren eigenen Händen wickelte sie ihn in Windeln, sie sowohl Mutter als auch Hebamme, ‚und legte ihn,‘ wie wir erfahren haben, ‚in eine Krippe, denn es war kein Raum in der Herberge;‘ eine Aussage, die offensichtlich die Phantasien der apokryphischen Berichte widerlegt …“32. Der heilige Hieronymus macht ebenso deutlich, dass seine Hervorhebung der Jungfräulichkeit Marias keine Ablehnung der Ehe ist:

Auch sagen wir dies nicht, um die Ehe zu missbilligen, denn die Jungfräulichkeit an sich ist eine Frucht der Ehe. Ihr sagt, dass Maria keine Jungfrau blieb. Ich behaupte noch mehr, nämlich dass Josef wegen Maria Jungfrau war, so dass aus der Ehe einer Jungfrau der Sohn einer Jungfrau geboren wurde …Nirgendwo steht geschrieben, dass er eine andere Frau gehabt hat, sondern dass er der Beschützer Marias anstatt ihres Ehemannes sein sollte; die Folgerung daraus ist, dass er, der würdig befunden wurde, Vater des Herrn genannt zu werden, eine Jungfrau blieb.33.

Der heilige Augustin (354-430) lehrt folgendes über die jungfräuliche Empfängnis Marias und die Geburt: „Der Engel macht die Verkündigung, die Jungfrau vernimmt, glaubt und empfängt; den Glauben in der Seele, Christus im Leib. Die Jungfrau empfing; ihr seid erstaunt; die Jungfrau gebar; ihr seid noch mehr erstaunt; nach der Geburt blieb sie eine Jungfrau.“34. Er unterstützt ebenfalls die immer-währende Jungfräulichkeit Marias. „Wie im Leibe der Jungfrau Maria niemand vor ihm empfangen und niemand nach ihm empfangen wurde, genauso wurde niemand im Grab vor ihm beerdigt und niemand nach ihm.“35.

TEIL III: DIE JUNGFRÄULICHKEIT IN DER LEHRE DER KIRCHE

In einem Brief des Papstes Siricius an Anysius, den Bischof von Thessaloniki lesen wir: „Ihre Heiligkeit wäre zurecht beschmutzt, wenn irgendeine andere Geburt aus dem Leib stattgefunden haben könnte, aus dem Christus dem Fleische nach geboren wurde. Jesus hätte es nicht vorgezogen, von einer Jungfrau geboren zu werden, wenn sie so wenig enthaltsam war und den Platz der Geburt des Leibes des Herrn, jenen Tempel des ewigen Königs, danach durch menschlichen Geschlechtsverkehr entweihte.“36.

Paul IV in der Konstitution Cum Quorandam (1555) schrieb: „Die Auffassung wird verurteilt, dass Jesus Christus nicht dem Fleische nach durch den Heiligen Geist im Leib der Heiligen Jungfrau Maria, der immer-währenden Jungfrau, empfangen wurde … oder dass dieselbe heiligste Mutter Maria nicht die wahre Mutter Gottes ist und nicht ihre unversehrte Jungfräulichkeit vor der Geburt, während der Geburt und nach der Geburt auf ewig bewahrte.“

TEIL IV: DIE THEOLOGISCHE BEDEUTUNG DER JUNGFRÄULICHKEIT MARIAS

Die theologische Bedeutung der Jungfräulichkeit Marias liegt in ihrer vollkommenen Selbsthingabe an Gott und in ihrer völligen Fruchtbarkeit als Folge dieser Selbsthingabe.

Kardinal Ratzinger hat einige Feststellungen über die Leugnung der Jungfräulichkeit Marias gemacht:

Was nun die weltbildliche Vorgabe anlangt, die uns psychologisch nötigen möchte, Jungfrauengeburt für unmöglich zu erklären, so ist klar, dass sie nicht aus Wissen, sondern aus Wertungen erfolgt. ... Wir können jetzt sagen: Der eigentliche Grund in den Gründen gegen das Bekenntnis zur Jungfräulichkeit Marias liegt nicht im Bereich historischer (exegetischer) Erkenntnis, sondern in weltbildlichen Vorgaben; ... Der eigentliche Disput findet also nicht, wie es meist hingestellt wird, zwischen historischer Naivität und historischer Kritik statt, sondern zwischen zwei Vorstellungen vom Verhältnis Gottes zu seiner Welt. ... Die Aussage von der Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria will dies beides bezeugen: Gott handelt wirklich; realiter, nicht bloß interpretative und: die Erde bringt ihre Frucht – eben weil er handelt. Das „Natus ex Maria virgine“ ist im Kern eine streng theo-logische Aussage: sie bezeugt den Gott, der die Schöpfung nicht aus den Händen gegeben hat. Darauf gründet die Hoffnung, die Freiheit, die Gelassenheit und die Verantwortung des Christen.37.

Der heilige Hieronymus schreibt: „Für mich wird die Jungfräulichkeit in den Personen von Maria und Christus gesegnet.“38. Beim heiligen Ambrosius sehen wird etwas von der Theologie der Jungfräulichkeit Marias hervorgehoben:

Betrachtet sodann das Leben Marias als wenn es die Jungfräulichkeit selbst wäre, in einem Ebenbild dargestellt, von dem wie von einem Spiegel das sichtbar Werden der Keuschheit und die Form der Tugend reflektiert wird. Daraus könnt ihr euer Lebensmuster nehmen, das als ein Beispiel die klaren Regeln der Tugend zeigt: was habt ihr zu verbessern, zu bewirken und festzuhalten … Was ist größer als die Mutter Gottes? Was ist glorreicher als sie, den die Glorie selbst erwählt hat? … Warum sollte ich von ihren anderen Tugenden sprechen? Sie war nicht nur eine Jungfrau dem Leibe nach, sondern auch dem Geiste nach, die die Aufrichtigkeit ihrer Gesinnung durch keine Arglist befleckte; sie war demütig im Herzen, ernsthaft in ihrer Sprechweise, verständig im Geiste, schonend mit Worten, lernbegierig bei der Lesung, die nicht ihre Hoffnung auf zweifelhafte Reichtümer setzte, sondern auf das Gebet der Armen, fest entschlossen zu arbeiten, bescheiden im Diskurs; sie war es gewohnt, sich nicht um einen Menschen, sondern um Gott als Richter ihrer Gedanken zu bemühen, niemanden zu verletzen, gegenüber allen guten Willens zu sein, vor den Älteren auf zu stehen; nicht ihre Gleichgestellten zu beneiden, Angeberei zu vermeiden, dem Verstand zu folgen, die Tugend zu lieben … Dies ist das Abbild der Jungfräulichkeit, denn Maria war so, dass allein ihr Vorbild eine Lektion für alle ist... Wie viele Arten der Tugend strahlen aus einer Jungfrau hervor! Das Geheimnis der Schamhaftigkeit, das Banner des Glaubens, der Dienst der Hingabe, die Jungfrau im Haus, die Gefährtin für das geistliche Amt, die Mutter im Tempel.39.

Endnoten

1.Raymond, E.. Brown, The Virginal Conception & Bodily Resurrection of Jesus (New York: Pau1ist, 1973), 52-53.

2.Raymond E. Brown et a1, Mary in the New Testament, (New York: Pau1ist, 1978), 83, note 173.

3. Brown, The Virginal Conception & Bodily Resurrection of Jesus, 65.

4.The New American Bible, in The Catholic Study Bible (Oxford: Oxford University Press, 1990), 8, note 1, 19.

5.The New Jerusalem Bible, (Garden City, NY: Doubleday & Co, 1985), 1611, note f.

6. Rene Laurentin, The Truth of Christmas : Beyond the Myths, trans .Michael J. Wrenn (Petersham, ÌÁ: St. Bede's Publications, 1986), 266.

7. Rene Laurentin, The Truth of Christmas, 267.

8. The New Jerusalem Bible, 1201, note f.

9. Brown et al, Mary in the New Testament, 92.

10. Brown, The Virginal Conception & Bodily Resurrection of Jesus, 64.

11. "Ignace de la Potterie, S.J. Mary in the Mystery of the Covenant, trans. Bertrand Buby, S.M. (Staten Island, NY: Alba House, 1992), 27.

12. Fitzmyer, S.J., The Gospel According to Luke I-IX (New York, Doubleday, 1984), 449.

13. Brown et al, Mary in the New Testament, 65-66.

14. Fitzmyer, Luke I-IX, 724.

15. Brown et al, Mary in the New Testament, 72.

16. Aristides of Athens, Apology, 15, 1, quoted by J.N.D. Kelly, Early Christian Doctrines (New York: Harper & Row, 1960), 145.

17.Vgl. The Proto-Gospel of James, in Bertrand Buby, Mary of Galilee, Vol. Ill, The Marian Heritage of the Early Church (Staten island, NY: Alba House, 1997),         37-52. Also in The Apocryphal Books of the New Testament (Philadelphia: David McKay Publisher, 1901), 24-37.

18. Rene Laurentin, A Year of Grace with Mary (Dublin: Veritas Publications, 1987), 29.

19.Luigi Gambero, Mary and the Fathers of the Church, trans. Thomas Buffer (San Francisco, Ignatius Press, 1999), 40-41.

20. Brown et al, Mary in the New Testament, 254-255.

21.Clement of Alexandria, "The Stromata, or Miscellanies" in The Ante-Nicene Fathers, vol. II, ed. Alexander Roberts and James Donaldson (Grand Rapids: Win.       B. Eerdmans, 1986), 551. (This Scriptural reference is also given by Tertullian to Ezekiel but the words cannot be found).

22.Tertullian, "On the Flesh of Christ" in The Ante-Nicene Fathers, vol. Ill, ed. Alexander Roberts and James Donaldson (Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans, 1986),      536.

23. Origen, Commentary on John 1, 4; PG 14, 32, in Gambero, Mary and the Fathers of the Church, 75.

24. Origen, Commentary on Matthew 10, 17; PG 13, 876-77, in Gambero, Mary and the Fathers of the Church, 75-76.

25. Athanasius, "De virginitate," in Buby, Mary of Galilee, III, 104

26. Ambrose, "De institutione virginis," 52, in Buby, Mary of Galilee, III, 122.

27. Ambrose, "Homily for Christmas," in Buby, Mary of Galilee, III, 128.

28. Hilary, Commentary on Matthew, in Buby, Mary of Galilee, III, 134.

29. Epiphanius, Haer. 78, 6; PG 42, 705 D. in Gambero, Mary and the Fathers of the Church, 123.

30. Jerome, "Against Helvidius," in The Nicene and Post Nicene Fathers, vol. VI, ed. W.H. Freemantle, G. Lewis and W.G. Martley (Grand Rapids: Wm. B.                Eerdmans, 1983), 335.

31. Jerome, "Against Helvidius," in The Nicene and Post Nicene Fathers, vol. VI, 343.

32. Jerome, "Against Helvidius," in The Nicene and Post Nicene Fathers, vol. VI, 339.|

33. Jerome, "Against Helvidius", in The Nicene and Post Nicene Fathers, vol. VI, ed. W.H. Freemantle, G.Lewis and W.G. Martley (Grand Rapids: Wm. B.                Eerdmans, 1983), 344.

34. Augustine, "Sermon 196" The Works of St. Augustine, III, 6, trans. Edmund Hill, O.P., ed. JohnE. Rotelle, O.S.A. (New Rochelle, NY: New City Press, 1992),        61.

35. Augustine, "On The Gospel of John", cxx, in The Nicene and Post Nicene Fathers, vol. V, ed. Philip Schaff (Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans, 1971), 435.

36.Josef Neuner, S.J. & Heinrich Roos, S. J., The Teaching of the Catholic Church, ed. Karl Rahner, S. J., trans. Geoffrey Stevens (Staten Island, NY: Alba,             1966), 183.

37. Joseph Ratzinger, Die Tocher Zion, Johannes Verlag Einsiedeln 1977, 56-60.

38. Jerome, "Letter XXII, to Eustochium", in The Nicene and Post Nicene Fathers, vol. VI, ed. W.H. Freemantle, G. Lewis and W.G. Martley (Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans, 1983), 29.

39. Ambrose, "Concerning Virgins," Book II, in The Nicene and Post Nicene Fathers, vol. X, ed. Philip Schaffand Henry Wace (Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans, 1983), 374-375.