Was gibt es Neues über die Brüder und Schwestern Jesu?

Was gibt es Neues über die Brüder und Schwestern Jesu?
Englischer Originaltext: François Rossier S.M.

1978 gelangten die Autoren des bekannten Buches Mary in the New Testament (Raymond Brown, Karl P. Donfried, Joseph A. Fitzmyer & John Reumann. Mary in the New Testament: A Collaborative Assessment by Protestant and Roman Catholic Scholars. New York, Paulist Press 1978) zu den vier nachfolgenden Ergebnissen bezüglich der Identifizierung der „Brüder und Schwestern“ Jesu , die im neuen Testament erwähnt werden:

1 ) Die fortdauernde Jungfräulichkeit Marias nach der Geburt Jesu ist keine Frage , die unmittelbar vom Neuen Testament erhoben wird .

2 ) Diese Frage wurde in der späteren Kirchengeschichte gestellt und dadurch wurde die Aufmerksamkeit auf die genauen Verwandtschaftsbeziehungen der „Brüder und Schwestern“ mit Jesus gerichtet.

3 ) Als diese Frage in den Blickwinkel der Forscher rueckte, kam man zu dem Ergebnis, dass nicht von vornherein angenommen werden kann, dass das Neue Testament sie zweifellos als Blutsbrüder und – schwestern und somit als Kinder Marias identifiziert.

4 ) Die von den Forschern bevorzugte Lösung wird teilweise von der Autorität abhängen, der sie spätere Erkenntnisse der Kirche zumessen .

Der Untertitel des o.g. Buches „Eine gemeinsam durchgeführte Beurteilung von protestantischen und römisch–katholischen Gelehrten“ lässt deutlich eine gewisse ökumenische Zielsetzung erkennen. Inspiriert von dieser Zielsetzung gelangten die vier Gelehrten zu einer gemeinsamen Vereinbarung, deren bedeutendster Aspekt eine doppelte Bedeutung hat.

Als erstes erlaubt einem der biblische Text die sogenannten „Brüder und Schwestern“ sowohl als Jesu Geschwister zu identifizieren als auch als enge Verwandte. Somit können Exegeten entweder die Jungfräulichkeit Marias post partum (nach der Geburt Jesu) - im wörtlichen Sinn des Wortes – entweder akzeptieren oder ablehnen, ohne dass sie ihre intellektuelle Integrität aufgeben müssen. Zweitens, beide Interpretationen werden als übereinstimmend mit der Heiligen Schrift anerkannt. Und da ja beide Interpretationen biblisch legitim sind, werden die Leser, je nach der Tradition zu der sie gehören und auf die sie sich beziehen, in den „Brüdern und Schwestern“ Jesu entweder Geschwister oder enge Verwandten sehen.

Nach beinahe dreißig Jahren gibt es irgendwelche neue Entwicklungen? Soweit es den ersten Punkt betrifft , haben Exegeten und Theologen damit weitergemacht, die Thematik der sogenannten „Brüder und Schwestern“ Jesu zu erforschen. Es scheinen einige Ergebnisse in dieser Frage erzielt worden sein, besonders über mögliche indirekte Hinweise über Mehrfachgeburten Marias. Diese zwei indirekten Hinweise werden bei Mathäus 1,25 (Joseph erkannte Maria „nicht bevor sie einen Sohn geboren hatte“) und bei Lukas 2,7 gefunden (Maria „gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen“). Bibelforscher erheben nicht mehr Anspruch darauf, dass „bis“ und „erstgeboren“ als Hinweis auf spätere Schwangerschaften Marias gedeutet werden kann.

Es gibt eine Überstimmung bei diesen Punkten. Matthäus 1,25 lässt nicht darauf schließen, dass Joseph Maria erkannte, nachdem sie Jesus geboren hatte. Das griechische Wort heôs – bis, steht nicht unbedingt im Gegensatz von „vorher“ zu „nachher.“ Es bedeutet vielmehr, dass bis zu einem bestimmten Augenblick sich etwas ereignete oder nicht, ohne in Anbetracht zu ziehen, was danach geschah. Zum Beispiel sagt der griechische Text der Septuaginta in 2 Samuel 6,23 dass „Mikal, die Tochter Sauls, keine Kinder bis (heôs) zu ihrem Tode hatte. „Dies deutet offensichtlich nicht darauf hin, dass sie nach ihrem Tod Kinder hatte. Mathäus ist daran interessiert zu unterstreichen, dass die Geburt Jesu und seine Empfängnis ohne das Eingreifen eines Mannes geschah.

Gleichfalls wird anerkannt, dass die bei männlichen Personen angewandte Bezeichnung prôtokos - erstgeboren, eine einmalige juristische und kultische Bedeutung hat. In Exodus 13,2 sagt der Herr : „Erkläre alle Erstgeburt als mir geheiligt! Alles, was bei den Israeliten den Mutterschoß durchbricht, bei Mensch und Vieh, gehört mir.“ Moses fügt in Exodus 13,12 hinzu: „Dann musst du alles, was den Mutterschoß durchbricht, vor den Herrn bringen ...“ In Israel wurde ein Erstgeborener nicht als solcher genau bezeichnet, weil er der erste unter weiteren Geschwistern war, sondern weil er der erste war, den Schoß seiner Mutter zu „öffnen,“ gleich ob seine Mutter weitere Kinder haben würde oder nicht. In Numeri 3,40 befahl der Herr dem Moses: „Zähle alle männlichen erstgeborenen Israeliten, die einen Monat und älter sind.“ Ein ein Monate altes Kind konnte nicht als ein Erstgeborener erklärt werden, weil er noch weitere Geschwister hatte. Die Bezeichnung „erstgeboren“ bezieht sich vor allem auf das Gesetz und ist somit nicht nur auf den ältesten von mehreren, sondern auch auf einen einzigen Sohn anwendbar. Indem er zeigt, wie Jesus im Tempel dargestellt wird, betont Lukas dreimal, was das Gesetz für jedes erstgeborene männliche Kind verlangte (vgl Lukas 2, 22; 23; 27).

Wenn man auch die Diskussion über die Bedeutung von „bis“ und „erstgeboren“ als abgeschlossen ansieht, ist dies nicht der Fall, was die im Neuen Testament erwähnten „Brüder und Schwestern“Jesu betrifft. Drei Interpretationen haben sich in dieser Hinsicht sehr früh entwickelt. Die Helvidianische - genannt nach dem Traktat gegen Helvidius, das ungefähr um 383 von Hieronymus geschrieben wurde – bekundet, dass die „Brüder und Schwestern“ wirkliche Geschwister Jesu dem Blute nach sind und daher Kinder von Josef und Maria. Die dem Helvidius entgegenstehende Interpretation von Hieronymus folgerte, dass die “Brüder und Schwestern“ Cousins und Kusinen von Jesus sind. Und die Epiphanische, benannt nach dem Bischof von Salamis, Epiphanius, aus dem vierten Jahrhundert, der einer seiner großen Förderer war, stellte fest, dass die „Brüder und Schwestern“ Kinder Josefs aus einer früheren Ehe sind.

Diese Vielfalt der Interpretationen ist wegen des Doppelsinns des Wortes „Bruder“ und „Schwester“ in der althebräischen Sprache möglich. Diese Sprache unterscheidet genauso wie das Aramäische nicht zwischen Blutsbruder und Cousin. In der Tat - und vielleicht könnte dieser Punkt nicht genügend berücksichtigt worden sein - trifft das hebräische Wort ah in seiner wortgetreuen Bedeutung auf jeden nahen männlichen Verwandten der gleichen Generation zu. Sobald man zu diesem Kreis gehört - ob als Bruder, Halbbruder, Stiefbruder oder Cousin - er ist ein ah. Innerhalb dieses Kreises, der durch die echte Familien Bruderschaft definiert wird, wird kein weiterer Wortunterschied gemacht. Für die alten Hebräer gehört man entweder zur Gruppe der Familie oder nicht. John P. Meier schrieb zum Beispiel,

dass in Matthäus 13,50 „der endgültige Pointe Jesu nur eine volle Bedeutung hat, wenn die Mutter, die Brüder und die Schwestern alle eine enge, natürliche Beziehung zu Jesu haben .“ (John P. Meier. The Brothers and Sisters of Jesus in Ecumenical Perspective. In: Catholic Biblical Quarterly 54 (1992) 1-28. Hier S. 13).

Nach dem Verständnis Meiers waren die „Brüder und Schwestern“ Kinder Marias . Dennoch fällt trotzdem voll ins Gewicht, was Jesus sagt, selbst wenn es Halbbrüder oder Halbschwestern von ihm wären, weil solche Halbbrüder und -schwestern ja auch zum engsten Familienkreis gehören würden.

Das Altgriechisch zieht in Betracht wie die Familienmitglieder derselben Generation verwandt sein können und unterscheidet zwischen adelphos - Bruder und anepsios - Cousin. Da das Neue Testament in Altgriechisch geschrieben wurde, wenden die Verfechter der helvidianischen Interpretation ein, dass wo immer das Wort „Bruder“ verwendet wird, es auf einen echten Bruder verweist. Sie gestehen zu, dass wenn wir einen Originaltext in Hebräisch oder Aramäisch voraussetzen können, der dem griechischen Text vorausgegangen ist, dann können wir annehmen, dass die Verfasser des Neuen Testament sich verpflichtet fühlten, die originalen Ausdrücke in Hebräisch oder Aramäisch Wort für Wort ins Griechische zu übersetzen. Wenn aber ein solcher Originaltext oder ein feststehender Ausdruck nicht vermutet werden kann, müssen wir anerkennen, dass die Verfasser des Neuen Testaments den Unterschied zwischen „Bruder“ und „Cousin“ machten, weil sie in Griechisch schrieben.

Die psychologische und anthropologische Realität in der Sprache einer anderen Kultur zu sprechen und zu schreiben ist jedoch viel komplexer. Ich konnte es miterleben, als ich in Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste in Westafrika lebte. Heute ist es eine Großstadt mit ungefähr vier Millionen Einwohnern, die in einer Zone aufwuchsen, die ursprünglich kaum bevölkert war. Die geringe ursprüngliche Bevölkerung konnte nicht die Wellen der Immigranten auffangen, die überall aus den früheren französischen Kolonien in Westafrika kamen. Die einzige Sprache, die all diese Menschen gemeinsam hatten, war Französisch und somit wurde Französisch zur Muttersprache von Abidjan. In den meisten Sprachen West-Afrikas wird kein Unterschied zwischen einem „Bruder“ und einem „Cousin“ gemacht, wohingegen ein solcher Unterschied im Französischen existiert. Dennoch fahren die Einwohner Abidjans fort, das französische Wort für „Bruder“ zu verwenden, wenn sie von einem „Cousin“ sprechen, obwohl ihre Muttersprache Französisch ist und sie in Französisch aufgezogen und gebildet worden sind. Wenn sie das französische Wort für „Cousin“ verwenden, würde dies die Art und Weise verraten, in der sie sich soziale und familiäre Beziehungen vorstellen. Wenn die Menschen von Abidjan genau angeben wollen, dass sie mit “Bruder“ einen wirklichen Blutbruder meinen, dann müssen sie hinzufügen „gleicher Vater, gleiche Mutter“ (même père, même mère). Blutbrüder sind eine besondere Art von Brüdern; sie machen nicht den Maßstab der Bruderschaft aus . Das sozio-kulturellle Milieu der Verfasser des Neuen Testaments ist das Judentum. Daher können wir die Vorstellung akzeptieren, ohne ein hebräisches oder aramäisches Substrat voraus zu setzen, dass sie sich in der Verwendung der griechischen Wörter natürlich in der Weise ausdrücken würden, wie sich ihre eigene jüdische Gesellschaft und ihre Kultur die sozialen und familiären Beziehungen vorstellt .

Die Gelehrten fahren fort, über das Judentum des Lukas zu diskutieren; er wird immer noch als der am wenigsten jüdische und am meisten griechische unter den vier Evangelisten anerkannt . Er erwähnt die „Brüder“ Jesu nur in Lukas 8, 19-21, ein Text, der auf Markus 3, 31–35 (siehe Parallele in Matthäus 12, 46-50) und auf der Apostelgeschichte 1,14 beruht. Dieser letztere Text könnte auf der synoptischen Tradition beruhen, wo kein Unterschied gemacht wird „zwischen Maria und den Brüdern in ihrem Portrait des geistlichen Amtes Jesu“ (Mary in the New Testament, S. 175). In den Texten, wo Lukas weder an ein hebräisches Substrat gebunden noch abhängig von einer vorher vorhandenen Tradition ist, wird keine Erwähnung über irgendeinen „Bruder“ Jesu gemacht; weder als der zwölfjährige Jesus im Tempel gefunden wird noch in der Apostelgeschichte, als Jakobus, das Oberhaupt der Kirche in Jerusalem nicht als der „Bruder“ des Herrn vorgestellt wird, wie ihn Paulus im Galaterbrief 1,19 nennt.

Da Lukas „mehr Grieche“ war als die anderen Verfasser des Neuen Testaments, war er sich unter Umständen bewusst, dass die Bezeichnung „Bruder,“ wenn sie auf eine nicht allgemeine Weise gebraucht wurde, um auf Nichtgeschwister zu verweisen, seine griechischen Leser in eine gewisse Verwirrung führen könnte. Weil er nicht die genauen griechischen Entsprechungen der Familienbindungen Jesu kannte, könnte er es einfach vorgezogen haben, nicht von den „Brüdern“ Jesu zu sprechen.

Wir können nicht ein Argument ex silentio machen, aber wir können beobachten, dass es außer in einem Fall keine „Cousins“ im Neuen Testament gibt. Wir finden das Wort anepsios einmal in dem Kolosserbrief 4,10. Die meisten Gelehrten glauben heute, dass dieser Brief nicht von Paulus geschrieben wurde, sondern wahrscheinlich von einem seiner Jünger aus der zweiten Generation der Christen aus griechischer Tradition. Ansonsten finden wir das Wort adelphos 343 mal im Neuen Testament (und adelphê „Schwester“ 26 mal), aber keinen weiteren „Cousin.“ Die einzige familiäre Verbindung, die zwischen den Menschen der gleichen Generation existierte, scheint die Bruderschaft zu sein. Ist es bedeutungsvoll zu wissen, dass in der jüdischen Gesellschaft die innerste Familiengruppe nicht auf die Kernfamilie beschränkt war, wie wir sie in Nordamerika oder in Europa kennen? Andere griechische Wörter so wie homopatôr - Halbbruder väterlicherseits oder homomêtôr - Halbbruder mütterlicherseits werden ebenfalls nicht im Neuen Testament gefunden. Wenn die Verfasser des Neuen Testamentes die Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb der Familie Jesu so genau wie möglich in Griechisch wiedergeben wollten, hätten sie solche Bezeichnungen verwenden müssen, dass Jesus nicht der wahre Sohn Josephs war – wie es Matthäus und Lukas sehr klar herausstellten. Wenn die „Brüder“ Jesu Söhne von Maria waren, dann wären sie nur „Halbbrüder mütterlicherseits“ gewesen sein und dafür gab es ein griechisches Wort .

Es ist richtig, dass das Wort „Bruder“ im Hebräischen auch „Blutbruder“ bedeutet. Das ist die nahe-ligendste, wenn auch nicht die einzige Bedeutung, die wir nicht übersehen dürfen. Der Gebrauch des Wortes adelphos bleibt daher eine Herausforderung für alle jene, die an der Jungfräulichkeit Marias post partum festhalten. Gleichermaßen verursacht die Interpretieren dieses Wortes allein auf wirkliche Geschwister auch einige Schwierigkeiten.

Wir haben bereits hervorgehoben, dass die These, aus der Ehe von Joseph und Maria wären nach der Geburt Jesu andere Kinder hervorgegangen, nicht mit dem sogenannten „Gelübde der Jungfräulichkeit“ in Einklang zu bringen ist. Ein solches Gelübde oder zumindest die Absicht Jungfrau zu bleiben, ist für viele die einzige einleuchtende Erklärung für die Frage Marias „Wie kann dies sein, da ich keinen Mann erkenne?“ Wenn Maria nicht die Absicht gehabt hätte, Jungfrau zu bleiben, würde sie nicht wie gefragt haben. Sie würde instinktiv daraus geschlossen haben, dass sie den Messias empfangen würde, nachdem sie mit Joseph Verkehr gehabt hatte. Diese Interpretation lässt vermuten, dass Maria hier eine Art und Weise des Widerspruchs verursacht. Dennoch ist es auch realistisch, der Frage Marias die Funktion eines bloßen literarischen Kunstgriffes zuzuschreiben, der beabsichtigte es dem Engel zu ermöglichen, die jungfräuliche Empfängnis Jesu zu erklären. Weil eine Verlobung kaum mit der Absicht vereinbar scheint, eine Jungfrau zu bleiben, sollten wir aus der Frage Marias nicht mehr als ihre Funktion deuten, die sie innerhalb einer Geschichte hat, die von der Herkunft Jesu und nicht über ihren Lebensentwurf handelt. Außerdem muss auch die Tatsache in Betracht gezogen werden, dass ein solches „Gelübde“ bei einem Mädchen, das verlobt war, ungewöhnlich gewesen wäre. Im Israel des 1. Jahrhunderts heirateten normalerweise die Leute, um sich fortzupflanzen.

Es erhebt sich eine weitere Frage: warum hat Jesus am Kreuz Maria einem Jünger, wenn auch seinem Lieblingsjünger, anvertraut, wenn seine Mutter weitere Kinder hatte? Wenn wir der Geste Jesu jedoch eine symbolische Bedeutung beimessen - der Jünger wird aufgefordert, Maria als eine physische Verlängerung der Gegenwart Jesu willkommen zu heißen - dann verliert das Argument seinen Wert. Jesus ist nicht besorgt darum, ein Zuhause für seine Mutter zu finden, sondern um die Formation seiner Jünger, die aufgefordert werden, Maria als ihre Mutter anzuerkennen. Natürlich schließt eine symbolische Interpretation eine wörtlichere nicht aus, aber sie macht sie auch nicht erforderlich. Die Aussage „Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger eis ta idia“ in Johannes 19,27 bedeutet nicht unbedingt, dass der Jünger Maria sein Heim anbot, sondern sie könnte auch heißen, dass er sie wörtlich „bei sich“ auf eine symbolische Weise aufnahm (Mary in the New Testament S. 206 ). Eine solche symbolische Interpretation widerspricht nicht der Möglichkeit, dass Maria weitere leibliche Kinder außer Jesus hatte.

Die Szene am Fuße des Kreuzes gibt uns eine weitere Schwierigkeit auf, wenn wir Markus 15,40 (Mt 27,55) mit Markus 6,3 (Mt 13,55) vergleichen. In Markus 6,3 werden die „Brüder“ Jesu genannt; es sind Jakobus, Joses, Judas und Simon. Zwei der Namen, nämlich Jakobus und Joses erscheinen in Markus 15,40 wieder, wo von ihnen gesagt wird, dass sie die Söhne einer Maria wären, die eine der Frauen war, die der Kreuzigung zuschauten. Wenn diese Maria die Mutter Jesu ist, dann ist es merkwürdig, dass sie nicht als Mutter Jesu bezeichnet wurde, denn Jesus ist eine viel berühmtere Persönlichkeit als Jakobus oder Joses. Es ist eingewendet worden, dass der in Markus 15,40 erwähnte Jakobus als „der Jüngere“ bezeichnet wird, was nicht der Fall bei dem Jakob in Markus 6,63 ist. Deshalb müssen sie zwei verschiedene Personen gewesen sein. Dieser Unterschied besteht jedoch nicht zwischen Mt 13,55 und Mt 27.55 . Um die Schwierigkeit zu beheben, haben einige derjenigen, die die Existenz der wahren Brüder Jesu aufrechterhalten haben, darauf zurückgegriffen, Markus 15,40 als eine spätere Hinzufügung zum Originaltext zu betrachten und somit nicht schlüssig: die Namen in diesem Vers sollten, nach der Auffassung dieser Autoren, nicht mit jenen in Markus 6,3 verknüpft wer- den. Über die Identifizierung der Namen, die in dem Vers enthalten waren, könnte auch gesagt werden, dass Judas, der Verfasser des Briefes sich selbst als „ Bruder von Jakobus“vorstellt. Wenn er der in Markus 6,3 erwähnte Judas ist, können wir folgern, dass es einige Unterschiede in den Familienverbin-dungen zwischen den „Brüdern“ Jesu gibt, die in Markus 6,3 aufgeführt werden. Warum würde sich andererseits Judas nicht als „Bruder“ Jesu vorgestellt haben? Dies würde ihm größeres Ansehen gegeben haben. Er muss darum enger mit Jakobus verwandt gewesen sein als mit Jesus. Würde die Hypothese, dass er mit Jesus nur durch seine Mutter und zu Jakobus sowohl durch seinen Vater als auch durch seine Mutter verwandt war, hinreichend sein, um für sie gerade zu stehen.

Nirgendwo im Neuen Testament werden die „ Brüder“ Jesu auch als „Söhne Marias“ im gleichen Zusammenhang bezeichnet. Wohingegen wiederum in Markus 6,3 Jesus als „Sohn der Maria“ von den Leuten aus Nazaret bezeichnet wird. Diese Formel deutet höchstwahrscheinlich nicht auf die jungfräuliche Empfängnis Jesu hin, weil die Worte in den Mund von Leuten gelegt wurden, die nicht an Jesus glaubten. Es könnte erkennen lassen, dass die Leute in Nazaret ahnten oder wussten, dass Jesus nicht das Kind Josefs war und dass sie Jesus als ein uneheliches Kind betrachteten. Andererseits können die Befürworter der epiphanischen Hypothese sagen, dass die Leute von Nazaret Jesus nur von seinen „Brüdern,“ den Söhnen Josephs aus einer früheren Ehe unterscheiden wollten. Die

Verwendung des bestimmten Artikels „ der Sohn der Maria“ ist weniger bedeutend. Er bedeutet nicht unbedingt, dass ein solcher Sohn der einzige ist. Der grammatikalische Gebrauch im Neuen Testament ist in dieser Hinsicht unklar. Zum Beispiel spricht Matthäus in 10,2 von „Jakob, dem Sohn des Zebedäus,“ wohingegen er in 26,7 von „den Söhnen des Zebedäus“ spricht.

Was die Verwandtschaft zwischen den „Brüdern“ betrifft, erhebt die Stelle von Johannes 7,3 ff einige Fragen darüber, ob die Brüder Jesu, die dort erwähnt werden, leibliche Kinder Marias sind. In der Tat scheinen sie Jesus darüber Anweisungen darüber zu erteilen, was er tun soll: „Geh' von hier fort und geh´ nach Judea ... „ Wenn Jesus der Erstgeborene von mehreren Geschwistern war, dann war er offensichtlich der älteste Sohn und würde sich als solcher eines bevorzugten sozialen und familiären Status in der israelischen Gesellschaft des ersten Jahrhunderts erfreut haben. Jüngere Brüder wären nicht berechtigt gewesen, ihm zu befehlen. Das Argument ist nicht mehr überzeugend, weil darüber diskutiert werden könnte, ob die „Brüder“ Jesu ihm Anweisungen oder nur Ratschläge gaben. Dennoch wäre es mit der These zu vereinbare, dass die „Brüder“ Jesu älter als Jesus waren und somit nicht Kinder Marias .

Ein anderes Argument zugunsten von Jesus als dem einzigen Kind Marias, das von dem verstorbenen Jaroslav Pelikan in einer kürzlichen Publikation (Jaroslav Pelikan. Most Generations Shall Call Me Blessed: An Essay in Aid of a Grammar of Liturgy .In: Carl E. Braaten & Robert W. Jenson eds. Mary, Mother of God. Grand Rapids, Michigan; Cambridge, UK. Wm. B. Eerdmans Publishing Co. 2004, S. 1-18) erhoben worden. In diesem Artikel denkt Pelikan über die Bedeutung des griechischen Wortes monogenês nach, das im Prolog des Johannes (1,18) für Jesus verwendet wird. Er argumentiert, dass dieses Wort als „einzig gezeugter“ übersetzt werden sollte, obwohl „ moderne Neutestamentler und Übersetzer des Neuen Testaments (zum Beispiel die NRSV, die NAB, die NIV) „angestrebt haben, seine Bedeutung von 'einzig gezeugter' zu 'einziger' zu reduzieren und deshalb sie so zu behandeln, als ob es mehr oder weniger ein anderes Wort für monos (S.8) sei. Dann, „auf der Basis der Aussage des Neuen Testaments, dass 'jede Vaterschaft im Himmel und auf Erden nach der Vaterschaft Gottes benannt wird' (vgl. Epheser 3,14-15) und nicht andersherum“ (S. 9), „eine geeignete Konsequenz dieser Übereinstimmung und paradoxen Parallelität“ z. B. „Gott in sich selbst und Gott in seinem Handeln“ (siehe Tim S. Perry. Mary for Evangicals: Toward an Understanding of the Mother of Our Lord. Downers Grove, III. InterVarsity Press 2006, S. 283) ist die Lehre, dass „ die menschliche Geburt genauso wie die göttliche Geburt einzigartig war, so dass Er der einzige und einzig gezeugte Sohn Gottes war, aber auch der einzige und einzig gezeugte Sohn Marias“ (S.8); denn das „ was den Sohn Gottes monos 'einzig' machte war, dass Er im exakten und formalen Sinn monogenes 'einzig-gezeugt' war“ (S. 8).

Obgleich der Beweisgrund Pelikans biblisch ist,er wurde nach der Berücksichtigung von frühen liturgischen Texten erzielt. Vielleicht ist das der Ort, wo wir schauen müssen, um zu irgendeinem Ergebnis zu kommen, das die Identität der „Brüder“ Jesu betrifft, die im Neuen Testament erwähnt sind. Somit habe Gelehrte angefangen, frühe christliche Texte für Ihre Bibelinterpretation zu untersuchen. Die Bibel selbst lässt die Frage ungelöst zurück. Das wiederholte Vorhandensein der Wörter „Brüder“ und „ Schwester“ im griechischen Text des Neuen Testaments bleibt eine stichhaltiges Argument, das die Anhänger der helvidianischen Hypothese unterstützt. Wenn man jedoch diese „Brüder und Schwestern“ als Kinder Marias ansieht, schafft man auch einige Schwierigkeiten im Text des Neuen Testaments. Keine dieser Schwierigkeiten ist an sich entscheidend, aber ihre Häufung gibt entweder der epiphanischen Hypothese oder auch der von Hieronymus irgendeine nachdrückliche Unterstützung. Deshalb die anwachsende Inanspruchnahme der frühen Leser und Interpreten der Heiligen. Schrift, um einigen Fortschritt in dieser Hinsicht zu erreichen.

Die Hypothesen, die die Identität der „Brüder und Schwestern“ Jesu betreffen, waren in der Tat nach solchen frühen Lesern benannt. Signalisiert dies, dass auch auf dieser Ebene keine endgültige Lösung erreicht werden kann? Keineswegs, zumal, wenn Zahlen etwas sagen wollen, nur wenige unter den frühen christlichen Verfassern die Jungfräulichkeit Marias post partum ablehnten. Helvidius ist selbst nur durch die Abhandlung bekannt, die Hieronymus gegen ihn geschrieben hat. Er hatte zwei Jünger, Jovinian und Bonosus. Alle drei lebten innerhalb der letzten Jahrzehnte des vierten Jahrhunderts. Nach ihnen existierten die Anhänger der helvidianischen Auffassung praktisch nicht mehr. Früher sollen Hegesippus - ein hellenistischer aus dem zweiten Jahrhundert stammender Jude, der zum Christentum über getreten war – und besonders Tertullian - von 150/170 bis ungefähr 230 - die Idee unterstützt haben, dass die „Brüder“ Jesu, Kinder Marias waren. Es wird nachhaltig behauptet, dass Hegesippus Jakobus oder Judas als Blutsbrüder Jesu betrachtete .

Hinsichtlich Tertullian sagen die Gelehrten, dass das einzige, was wir sicher behaupten können ist, dass Tertullian einfach kein Bewusstsein dafür zu zeigen scheint, dass die Idee der Jungfräulichkeit Marias post partum überhaupt existierte. Er greift nirgendwo diese Vorstellung offen an. Deshalb „kann dem Anspruch, dass die helvidianische Position die Antike erfreute und eine weit verbreitete Unterstützung hatte, nicht stattgegeben werden“ (siehe Jose Pedrozo. The Brothers of Jesus and his Mother 's Virginity. In: Tomist 63 (1999) 83-104, S. 101).

Auf der anderen Seite wurde die Idee, dass Maria eine Jungfrau nach der Geburt Jesu geblieben ist durch den apokryphischen „Bestseller“ des Protoevangeliums des Jakobus und durch Origenes - um 185 - 254 - bis zu dem Punkt verbreitet, dass „jeder Kirchenvater im vierten Jahrhundert, der die Streitfrage der „Brüder Jesu“ anging, die Jungfräulichkeit Marias post partum aufrechterhielt“ (siehe Pedrozo, S. 92). Natürlich kann das Protoevangelium des Jakobus nicht als verlässliches historisches Zeugnis anerkannt werden; allerdings bestätigt der Text Marias Jungfrä ulichkeit, weil die sogenannten „Brüder“ Jesu nach dieser Darlegung aus einer früheren Ehe Josephs stammen. Die große Mehrheit der Kirchenväter, die entweder die epiphanische Hypothese oder die des Hieronymus unterstützten, gehörten der griechischen Kultur an und sprachen Griechisch. Einige von ihnen waren auch der Ära des Neuen Testaments nahe sowohl in der Zeit als auch in der Kultur. Dennoch empfanden sie es nicht als Hindernis, die adelphoi Jesu als seine Cousins, Stiefbrüder oder Halbbrüder zu betrachten. Die Tradition übernahm diese Anschauungsweise - sei es in der katholischen, in der orthodoxen oder selbst in der reformatorischen (bei Luther und Calvin) bis zum 19. Jahrhundert, als die protestantischen Bibelforscher anfingen, den Konsens im Namen der historisch-kritischen Methode der Auslegung zu hinterfragen. Ihre Ansichten wurden weitgehend innerhalb der protestantischen Konfessionen angenommen, wodurch sie aus der immerwährenden Jungfräulichkeit Marias eines der großen Kennzeichen des Widerspruchs machten.

Selbst heute wollen die meisten protestantischen Bibelkommentatoren die Tatsache aufrecht erhalten, dass Maria andere Kinder nach der Geburt Jesu hatte, inklusive jene, die ein erneuertes Interesse daran zeigen, Maria zu erforschen. Andererseits hält die große Mehrheit der katholischen Bibelforscher an der Jungfräulichkeit Marias post partum fest. Interessanterweise jedoch finden wir jetzt eine Anzahl von Gelehrten, die noch klein aber zunehmend ist, die versuchen, sich dem Thema zu nähern, indem sie die Übereinstimmung mit der Sichtweise der anderen Konfession anerkennen. Einige katholische Gelehrte (Pesch, Meier, Refoulé) bekräftigen, dass eine historisch–kritische Deutung des Neuen Testaments der helvedianischen Hypothese viel Unterstützung gibt. Wohingegen einige protestantische Gelehrte (Raukamp, Pelikan) folgern, dass sich die epiphanische Hypothese oder die des Hieronymus starker biblischer Unterstützung erfreuen, und dass das Neue Testament nicht isoliert von den ersten Lesern der frühen christlichen Tradition gedeutet werden kann.

Am Anfang stellten wir uns die Frage, ob sich die Sachlage in Bezug auf die Identität der „Brüder und Schwestern“ Jesu, die im Neuen Testament erwähnt werden, im Laufe der vergangenen dreißig Jahre weiterentwickelt hat. Wenn wir auf Aussagen blicken, die ausschließlich auf dem biblischen Text begründet sind, dann müssen wir gestehen, dass sich sehr wenig geändert hat. Dieselbe Argumentation wird immer wieder verwendet. Manchmal werden Versuche unternommen, diese weiterzuentwickeln, indem man Zuflucht bei Erkenntnissen sucht, die mit der Geschichte der Texte in Beziehung stehen. Aber seitdem es immer schwieriger geworden ist, irgendeinen Konsens auf diesem Gebiet zu erreichen, ist kein wirklicher Durchbruch erzielt worden.

Deshalb sind einige neue Erkenntnisse durch die Verwendung von extra–biblischen Daten eingebracht worden, die durch die Patrologie, die Liturgie, die Anthropologie, die Soziologie etc. zur Verfügung gestellt wurden. Somit hat die Liturgie interessante Perspektiven über die Art und Weise geboten, wie das Wort monogenês im Johannesevangelium verstanden worden ist. Die Soziologie und die Soziolinguistik haben den Gelehrten geholfen, die Komplexität der Ausdrücke der Familienverhältnisse zu erfassen, wenn sie von einem kulturellen Kontext in einen anderen übertragen wurden.

Die Erkenntnis darüber, dass der biblische Text an sich nicht länger neue Informationen über die natürliche Familie Jesu zur Verfügung stellt, ist nicht neu. Die Existenz der Apokryphen des Neuen Testaments wie zum Beispiel das bekannteste Protoevangelium des Jakobus bescheinigt dies schon in der Mitte des zweiten Jahrhunderts. Nach der Wiederentdeckung der extra-biblischen Kenntnisse durch neue Methoden der Auslegung ist heute dieses Bewusstsein wieder belebt worden. Und selbst renommierte Gelehrte fallen Fälschern zum Opfer wie folgende Aussage vom Oktober 2002 zeigt. Demnach wurde in der Nähe Jerusalems ein antikes Beinhaus ausgegraben, das die Inschrift trug „'ames/Jakob, Sohn des Joseph, Bruder Jesu.“ Die falsche Schlussfolgerung war, dass der Sarg höchstwahrscheinlich Jakob, dem Bruder Jesu gehörte. Im Juni 2003 erwies sich dann diese Inschrift als Fälschung.

Gewiss erfolgversprechender ist die Gegebenheit, dass einige katholische und protestantische Gelehrte, die von ökumenischen Interessen bewegt werden, nun die Gültigkeit der biblischen Basis der traditionellen Position der anderen Konfessionen in Bezug auf die Identität der „Brüder und Schwestern“ Jesu, die im Neuen Testament erwähnt werden. anerkennen. Sie bewegen sich auf dem Weg voran, der von den Autoren von Mary in the New Testament bereitet wurde. Einige protestantische Theologen, die immer noch aufrecht erhalten, dass Maria nach der Geburt Jesu wahrscheinlich weitere Kinder hatte, sind trotzdem bereit, die Vorstellung der fortwährenden Jungfräulichkeit Marias zu akzeptieren. Das heißt, dass sie die theologische Bedeutsamkeit der immerwährenden Jungfräulichkeit akzeptieren, ohne auf einer körperlichen Jungfräulichkeit zu bestehen. Die positive Bilanz ist, dass Maria nach und nach das Joch abwirft, ein Stein des Anstoßes, ein Symbol der Trennung zwischen den bedeutenden christlichen Konfessionen zu sein.