Marienleben

Q: Was wissen wir über den Tod Marias?

A: Das Dogma der Aufnahme Mariens in den Himmel gibt uns keinerlei Auskunft über die Einzelheiten bezüglich des Heimganges der Gottesmutter. Die Lehre definiert lediglich, dass Maria “mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen wurde“ (Pius XII., Munificentissimus Deus (1950); DS 3903; LG 59; vgl. Offb 19, 16). Maria wurde durch den Herrn “als Königin über alle Dinge” erhoben, so dass sie “als aufs engste mit ihrem göttlichen Sohne verbunden sein kann,” der der Herr der Herren und der Sieger über die Sünde und den Tod ist. Sie hat Anteil an der Herrlichkeit ihres Sohnes; sie ist außerdem die “eschatologische Ikone,” die die Auferstehung aller Glieder des Leibes Christi vorwegnimmt. Und Paul VI bestärkt diese Lehre, wenn er schreibt: “Wir glauben, dass die heiligste Muttergottes, die neue Eva, die Mutter der Kirche, im Himmel ihre Mutterschaft an den Gliedern Christi fortsetzt, indem sie mitwirkt bei der Erweckung und Entfaltung des göttlichen Lebens in den Seelen der Erlösten (Paul VI., Credo des Volkes Gottes, 30. Juni 1968, 15). Im folgenden wollen wir die verschiedenen Elemente des Dogmas der Aufnahme in den Himmel und einige seiner Konsequenzen für die kirchliche Lehre bedenken.

In Bezug auf den Tod Marias will sich das Dogma nicht festlegen. Die Definition sagt nur: “nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte...“ Diese etwas ausweichende Formulierung weist auf zwei Dinge hin:

(1) Zur Zeit der Diskussionen und der nachfolgenden Definition gab es keine Einstimmigkeit in Bezug auf das Lebensende Marias. Zum größten Teil dank der Sachkompetenz von M. Jugie und seiner Einflussnahme wurde die Frage des Todes von Maria demzufolge aus dem Geltungsbereich des Dogmas herausgenommen. Das Dogma macht keine Aussage darüber, dass sie gestorben ist, und das Zweite Vatikanum übernahm die gleiche Position (vgl. LG 59). Eine namhafte Literatur über diese Frage wuchs zwischen 1950 und 1964 heran, aber sehr wenig ist seit dem Konzil erschienen.

(2) Es schien nicht möglich, eine solide historische Tradition aufzubauen, die entweder den Tod Marias oder ihre Unsterblichkeit guthieß. Ein Zeugnis aus der Heiligen Schrift existiert nicht, und die Väter haben bei diesem Thema wenig Einfluss ausgeübt. Gregor von Nyssa und Epiphanius sind beide nicht beweiskräftig. Timotheus von Jerusalem (ca. 5.-8. Jh) hingegen drückte sich klar aus: “… die Jungfrau ist unsterblich …. er, der in ihr gewohnt hat, entrückte sie in den Bereich ihrer Aufnahme (in den Himmel)” (PG 86, 245 C).

Während der folgenden Jahrhunderte wurde der Tod Marias als selbstverständlich angesehen. Anschauungen, die ihre Unsterblichkeit befürworteten, tauchten nur auf als Konsequenz zu den Forschungen über das Dogma der Immakulata. Trotzdem kennen wir nur ein paar positive Auffassungen über ihre Unsterblichkeit im 17. und 18. Jahrhundert. Die Situation änderte sich nach der Verkündung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis von 1854 und die Stimmen zugunsten ihrer Unsterblichkeit wurden zahlreicher nach der Dogmatisierung der Aufnahme in den Himmel (z. B. Gallus, Roschini). Andere wie Balic waren gegen die These der Unsterblichkeit. Neuere Ausgrabungen am Platz der Gethsemani Kirche in Jerusalem scheinen das Vorhandensein einer Kammer zu bestätigen, die in den Felsen gehauen war und nach altem Brauch Marias Grab genannt wurde (Bagatti 1972). Bestrebungen neueren Datums, die Aufnahme Marias in den Himmel mit Hilfe der Theorie der sogenannten “vermittelten Eschatologie” und deren Widerlegung zu erklären, nehmen als ihren Ausgangspunkt den tatsächlich erfolgten Tod Marias.

Nach Lage der Dinge sind beide Anschauungen annehmbar und werden akzeptiert: der Tod Marias, ihre Auferstehung und Verherrlichung genauso wie die Verherrlichung am Ende ihres Lebens ohne Tod. Die Mehrheit der Theologen scheint jedoch den Tod Marias anzuerkennen. Pro und Kontra beruht auf den folgenden Argumentationstexten:

(1) Die Unsterblichkeit Marias wird vom Sinngehalt des Privilegs der Unbefleckten Empfängnis hergeleitet. Sie lebte in einer sündigen Welt ohne Sünde, und ist deshalb von bestimmten Auswirkungen der Sünde verschont geblieben. Würde daher die Verschonung vor dem Tod nicht logisch erscheinen?

(2) Der Tod Marias scheint gleichermaßen logisch für jene, die auf ihrer vollkommenen Übereinstimmung mit Christi Leben bestehen. Maria war die erste Jüngerin Christi und seine vollkommene Gefährtin. Sie hatte in einer realen aber untergeordneten Rolle Anteil an seinem Erlösungswerk. Würde folglich ihre Teilnahme an seinem Tod durch ihren eigenen Tod nicht logisch erscheinen?

Gegenwärtige Marienstudien scheinen die letztere Position zu befürworten. Das Zweite Vatikanum beschenkte uns mit einer Gestalt Marias, die der der frühen Jahrhunderte des Christentums ähnelt: eng mit der Kirche verbunden, ihr erhabenes Mitglied und Vorbild und Pilgerin des Glaubens. Sie wird als treue Nachfolgerin Christi und als unsere Schwester hervorgehoben. Wenn auch die Menschwerdung sie auszeichnet, die göttliche Herkunft unseres Erlösers (durch ihre Unbefleckte Empfängnis) zu gewährleisten, zieht ihre Teilnahme am Werk Christi sie in sein Leiden und seinen Tod (durch ihren Tod) hinein, um seine völlige menschliche Verwirklichung zum Ausdruck zu bringen.